Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

Page: 135
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die Blätter zum Webercrufstand erschienen, 99 kamen das Gretchenblatt
und der Aufruhr, l900 die Zertretenen, BOi die Carmagnole, GO^ die
Hamburger Kneipe, U03 das tote Kind, in den folgenden Iahren bis W08
im Auftrag der Verbindung für historische Kunst der Bauernkrieg-Zyklus,
WO^ die Darstellungen aus Pariser Kneipen, ^909 die düstern Simplicissi«
mus-Zeichnungen, M9 das Blatt „Arbeitslos", ^9^0 die „Frau vom Tod
gepackt", ^9^ die kleineren Platten zum Thema Tod. Die nüchternen
Lebensdaten und die Titel der Werke sprechen bei Käthe Kollwitz.

Da ihr die Instrumente beim Spiel gehorchen, da auch die Vorgänge,
die sie schildert, und die Gestalten, die sie zeigt, aufs äußerste bewegt sind,
fällt um so stärker die seelische Schwere auf, die trotzdem über allen ihren
Schöpfungen liegt. An alle Stoffe tritt sie von einer Seite und tritt
sie mit einer Stimmung: vom Elend her und mit dem Gefühl des Mit«
erleidens. Es ist keine Spur von Tendenz in diesen Blättern; Tendenz
sieht auch die andern und wendet sich gegen sie, Käthe Kollwitz nimmt
hin. Sie betont nicht: das sollte anders sein, sie betont: das ist s 0.
Was etwa doch in ihrer Kunst von der Freude an irgendwelcher Schön«
heit, irgendwelcher (Ligenart, irgendwelcher Komposition, was von irgend«
einem der tausend andern Erreger des künstlerischen Schaffens erzeugt
ist, wird sofort von jenem tiefsten Ernst bis zur dunkelsten Sättigung durch«
tränkt. Und kein Gedanke, den die Phantasie nicht sofort in diesem slawi--
schen, selten einmal slawisch-deutsch gemischten Volk verkörperte, das sie seit
Kindheit her um sich erlebt. Ihm gehört sie; in der Beziehung ändern
auch Frankreich und Italien nicht das allermindeste an ihr. Aber dieser
schwerflüssige Phantasiestrom glüht wie Lava, ehe er schwarz erstarrt.
Käthe Kollwitz gestaltet mit ihrem naturalistischen Sehen weit über Naturali-
stisches hinaus. Sie erlebt auch das unwirkliche Wahre. Dieses, wie jeder
echte Künstler in der einzigen Form, in der wir Menschen Unwirkliches er-
leben können: in der des Traums. So werden Gebilde, die auch als Phan»
tasiegesichte an sich nur wenige ihresgleichen haben, über dem Leide der Ein-
zelnen und der Vielen ragende Lwigkeitssymbole des Menschenwehs.

Mit fünfzig Iahren pflegt ein Tüchtiger noch lange nicht „abgeschlossen"
zu sein. Werden wir an Käthe Kollwitz noch Äberraschungen erleben? Das
zu glauben, fällt dennoch schwer, denn ihr ganzer Gehalt strömt in einer
Bichtung. Lassen wir lieber das Prophezeien! Was Käthe Kollwitz gibt,
das zeigt an Proben die „Kollwitz-Mappe" des Kunstwarts, die ich schon
vor ein paar Iahren herausgegeben habe und der auch unsre heutigen
Beilagen entnommen oder nachgebildet sind. A


Geld. 1

Geld und Macht

elt is uff erden der irdisch got", klagte tzans Sachs, und beteten
I ^t^nicht heute noch vielzuviele diese Gottheit an, so brauchte man weniger
^häufig zu hören, „Geld regiere die Welt". So kam es auch, daß in
den ersten Zeiten dieses Krieges das Wort Montecucculis so oft gläubig
nachgesprochen wurde, zum Kriegführen gehöre erstens Geld, zweitens Geld
und drittens Geld, und daß ein so unsinniges Gezänk hüben und drüben
über das Wortspiel Lloyd Georges von den „silbernen Kugeln^ entstehen
konnte. Inzwischen hat man über die Rolle des Geldes im Kriege doch
schon wesentlich anders denken gelernt. Wenn man heute von der Mög-
lichkeit der wirtschaftlichen Erschöpfung einer der beiden Mächtegruppen
spricht, so hat man dabei am allerwenigsten ein Versiegen finanzieller
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