Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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bei uns mobilisiert. Dafür aber doch wieder die sämtlichen Tugenden
der Menschheit — unter Vorantritt der Wahrheit — drüben!

Als Bismarck das Wort vom Gott fürchten und sonst nichts in der
Welt gesprochen, ich bekenne, da schmeckte mir das unerfreulich nach Phrase.
Aber jetzt — was fürchten wir Deutschen denn eigentlich von der Welt?
Den Frieden wollen wir sehr einfach deshalb: weil unsre Gehirne trotz
den gelegentlichen Versengungen durch heimische tzitzen immer noch die
kühleren geblieben sind. Dem englischen Weltgedanken: durch alle, auch
die unsittlichsten Mittel erst Weltherrschaft, dann sittliche Um-Ginrichtung —
diesem Weltgedanken fügen wir uns nicht. Triebe man's weiter wie jetzt,
so würde nämlich, befürchten wir, in der Menschheit nicht viel Sittlichkeit
zum nachträglichen Wieder-in-Kurs-setzen übrig bleiben. Also haben wir
eben keine Wahl, als durchzuhalten. Und uns scheint: der Gang der Dinge
beweist, daß wir das auch können, gestimmt nach tzindenburgs gutem Rat:
entschlossen und kalt.

Nur hat das Bismarcksche Wort bloß von denen draußen gesprochen,
nicht von uns selbst. Wie steht es da: dürfen wir auch uns selber nicht
fürchten? Bei uns liegt die große Gefahr, betonen wir's fest: die
große Gefahr. Eine Kluft jetzt durchs Vaterland, und es zerbräche.
Die Lage ist so, daß es zum Bruche kommt, wenn sich für die Rm-
gestaltung im Innern die kleine Minderheit der großen Mehrheit nicht
fügt. So tritt an viele deutsche Menschen zum erstenmale die schwerste
aller Forderungen heran: über das Opfern an Interessen und an Gut
und Blut hinaus vom Verstande zu opfern. Sacrificium intellectus,
Opfer der Einsicht bei sehr wichtigen Dingen, um damit das Wichtigste
überhaupt zu sichern, den Bestand. Der Sieg im Weltkrieg hängt da-
von ab, ob die Umgestaltung im Innern kein Kampf im Innern wird. A

Nähern wir uns dern Sozialismus?

Zu einem inneren Kriegsergebnis

^^e mehr Gebiete des öffentlichen Lebens von der staatlichen Organisa-
^t tion „erfaßt" werden, um so reger wird, um so weiter verbreitet sich
^Dder Gedanke, daß wir uns „sozialistischen" Zuständen nähern, daß wir
sozusagen die Generalprobe für die künftige sozialistische Epoche durch-
machen. Recht unklare Vorstellungen stecken in solchen Gedanken; Furcht
vielfach bei solchen, die glauben, etwas zu verlieren zu haben, tzoffnungen
bei wirtschafts- und innerpolitischen Ideologen. Wir versuchen hier in
Kürze eine gewisse Klärung der Begriffe und der Lage zu geben.

T

Sprechen wir zunächst vom Wirtschaftlichen allein. Auf wirt-
schaftlichem Gebiet will der Sozialismus statt des Privateigentums das
Gemeineigentum für die wichtigsten wirtschaftlichen Güter, er will die
Produktionsmittel vergesellschaftlichen, er will die Gemeinwirtschaft herbei-
führen. Man kann sagen: „der^ Sozialismus will diese Wirtschaftsordnung,
— nahezu alle sozialistischen Denker von Bedeutung stimmen in dieser Rich-
tung überein, wenn man unter dem Begrifs „sozialistische Denker" die-
jenigen Männer versteht, die gemeinhin bisher darunter verstanden wurden:
die marxistisch denkenden Sozialdemokraten. Der Marxismus und mit ihm

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