Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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hindurch beschränkt auf solche Lntwürfe, auf scharfe, aber mangelhafte
Kritik der geltenden Lebensordnungen. Lrst allmählich gesellte sich die
genauere Beobachtung der Wirklichkeiten hinzu, und diese wieder stellte
sich auf bestimmte Gebiete ein, z. B. auf die Staatenordnung oder die
Wirtschaftordnung (Marx war einer der ersten „einseitigen Soziologen").
Dann setzte das Bedürfnis ein, die Lebensordnungen im größten Aus«
maß und Zusammenhang zu kennzeichnen, wie es Comte, Spencer und
Andre antrieb. Endlich brachte unsere Zeit die Entwicklung in rascheren
Flusz. Wir wissen wenigstens ungefähr, was zu erforschen notwendig ist
und in welchem Kräfteverhältnis die Hauptlebenserscheinungen zueinander
stehen. Weit ausgedehnte Vorarbeit liegt heute hinter uns, aber noch
weit größere Arbeit liegt vor uns.

G

Und ihr Sinn? Eine geistvolle Lehre lautet, daß das Denken der
Menschen nichts anderes sei, als der Versuch, sich dem Leben anzupassen.
Ie besser wir durch Erziehung und Denken und später durch Vererbung
den Bedingungen des Daseins angepaßt sind, um so glücklicher, frucht«
barer und reibungloser wird unser Leben verlaufen. tzöhere tzoffnung
aber verheißt uns, daß wir auch umgekehrt das Dasein uns anpassen
könnten. Zu einem Bruchteil jedenfalls ist die Lebensordnung Menschen«
werk. Vielleicht werden wir einmal die Größe dieses Bruchteils einschätzen
lernen. Dann werden wir sehen, wie viel uns zu Lun bleibt und an wel«
chen Stellen uns etwas zu tun bleibt, um sie im Sinne der Vernunft, der
Gerechtigkeit und der Liebe umzugestalten. Auf die vielen Zeitalter der
Anpassung, des Getriebenwerdens, des bewußtlosen Dahinlebens und der
ohnmächtigen Kritik bräche dann das Zeitalter der Kulturbeherrschung,
der bewußten Gestaltung der Lebensordnungen, der fruchtbringenden
Kritik an. Solche Hoffnung erweckt in den kühnsten Geistern die Soziologie.

Wolfgang Schumann

N

Klinger, die Gegenwart und die Zukunft 5

Der PoeL im Maler

och einmal: der Vorwurf, Klingers Kunst sei „literarisch", trifft
nicht, denn „poetisch" und „literarisch" ist zweierlei. Wär es das-
selbe, so müßten wir auch ein Malwerk wie Giorgiones „Kon«
zert" oder Tizians „Aberredung zur Liebe", einen Stich wie Dürers
„Melancholie", ein Bildhauerwerk wie die „Bacht" Michelangelos, ein
Bauwerk wie das Straßburger Münster, ein Tonwerk wie die Neunte
Beethovens nicht „poetisch", wie wir Lun, sondern „literarisch" nennen.
Wenn wir von einem „poetischen" Bilde, Bau, Tonwerk sprechen, so
loben, wenn wir von einem „literarischen" Bilde sprechen, so tadeln
wir's. „Literarisch" ist das Spezifische der Literatur, das nur sie restlos
ausdrücken kann, wie allein die Malerei das „Malerische". Poetisch
dagegen ist etwas, das jenseit aller Künste in den Tiefen unsres ge«
heimen Seelengutes im Anbewußten glimmt oder glüht und durch ein
Kunstwerk jeder Art wie der Stern aus der Nacht aufleuchten kann.

Klinger hat ein kleines Buch über „Malerei und Zeichnung" ver«
faßt, das zu dem Geistreichsten gehört, was je über Kunst geschrieben
ist, ein kleines Buch^ das von der ersten bis zur letzten Zeile „gefüllt"
ist. Es ist ein in jedem Satze erlebtes Buch. Gerade deshalb verlangt

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