Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Zns vierte Kriegsjahr

or mrr liegen vier Bilder. Drei davon sind wirklich vom Kriegs-
H beginn. Das eine (das ich leider nicht wiedergeben kann) ist eine
^^Photographie nach dem Leben: Ein Offizier hinter Trommlern ver-
liest die Erklärung des Kriegszustandes in Berlin. Ernster gestimmte Ge-
sichter als bei diesen Soldaten und bei den atemlosen Zuhörern rings
kann man nicht sehn. Das zweite und drrtte gebe rch diesem tzefte rn
Nachbildungen mit, damit sie von sich selber sprechen: so empfanden da»
mals deutsche Künstler den Ausbruch des Krieges) beide Blätter sind un«
mittelbare Dokumente der Zeit. Das vierte Bild ist eine Zeichnung von
Raemaekers, und auch sie gebe ich mit. —L'Allemagne aux Allies:
Guerre!" Deutsche mit Linglas und schief aufgesetzten Zylindern in einer
Art Eancan mit einer betrunkenen Halbnackten Tingeltangeldirne johlen:
Krieg! So wie auf den ersten drei Bildern war's, und so wie auf dem
vierten hat man die Völker glauben gemacht, daß es gewesen sei. Ietzt
steht wie eine falsche Sonne die Lüge über der Welt.

And wie ein Strahl von rhr das erste Bild in das zweite umgefälscht
hat, so treffen wir überall in der feindlichen und in der neutralen Welt
auf umgefälschte Bilder vom Deutschvolk, seinem Wefen und seinem Willen.
Nur gegen die stählernen Waffen waren wir geschirmt, gegen die Lügen
waren wir's nicht — da ist allen Warnungen zum Trotz uneinbringbar
viel versäumt worden. Lüge, das Wort umfaßt auch nicht alles. Zwar
ist in dieser Zeit von den Politikern die kaltstirnige Lüge, die absichtklare
Verleumdung als Kriegsmittel mit monumentaler Großzügigkeit gebraucht
worden. Aber mit was allem hat sie sich zusammengetan! Mit jedem
nationalen und nationalistischen Triebe — das nationalistische Gefühl
wurde ja obendrein überall in Lreibhäusern aufgeheizt. Mit allen Idealen
der Freiheit, mochten sie lebende Wesen oder Schemen sein. Mit allen
Systemen der Organisation. Mit der Absperrung nicht nur gegen Gegen-
suggestion, sondern auch gegen einfachen nüchternen Nachrichtendienst, so
daß im ganzen Machtbereich der Entente eine ungestörte Inzucht aller
Vorstellungen und aller derjenigen Gefühle gedieh, die man wollte. Ich
halte diese Faktoren zur Erzeugung des Weltwahns für mindestens ebenso
wichtig wie die materielle Interessiertheit, die man gewöhnlich als das
Ausschlaggebende hinstellt. Die an der Weltwirtschaft Interessierten bilden
ja rmmer nur kleine Minderheiten. Mächtige, denn sie sind es ja, welche

r Augustheft <xxx, 2j)

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