Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Und neben diesen Büchern legt uns Grautoff ein drittes vor, eiue
Äbersetzung von Mäles „Studien über die deutsche Kunst", einer Reihe
von Aufsätzen, die einer der geachtetsten Pariser Kunstgelehrten in der
Revue de Paris" erscheinen ließ. Diese haben einen dreifachen Zweck,
namlich zu beweisen, erstens, daß die Deutschen nie in der Kunst Selbstän«
diges geleistet haben, zweitens, daß die Außerungen deutscher Gelehrter,
es habe doch eine selbständige Richtung bestanden, aus nationaler Eitelkeit
entstanden seien, und drittens, daß, um dieser zu genügen, man alle
Mittel der Unwahrheit angewendet habe. Male erklärt, Deutschland
habe auf dem Gebiet der Kunst nichts erfunden und Deutschland
habe wider besseres Wissen das Gegenteil behauptet. So sei, was man
für älteste germanische Kunst erklärt habe, persischen, die mittelalterliche
Kunst französischen Ursprungs und so weiter: And das alles sei von der
deutschen Wissenschaft sorgfältig verschwiegen worden.

Es wäre nun ein sehr müßiges Unternehmen, wollte man Mäle gegen?-
über die Großtaten deutscher Kunst aufzählen. Darauf läßt sich
wohl kein Verständiger ein. Aber Grautoff druckt eine Anzahl von Ant»
worten ab, die deutsche Kunstgelehrte auf die Angrisfe gaben. Sie weisen
nach, daß zahlreiche deutsche Schriftsteller all das schon seit langer Zeit
erklärt Haben, was Mäle als seine „Entdeckungen" hinstellt — nur
mit dem einen Unterschied, daß sie sich eben nicht von der nationalen Eitel«
keit treiben ließen, jedes Erzeugnis auf seinen völkischen Ursprung an-
zusehen. In Deutschland weiß man, daß Griechenland an vorderasiatischen,
Rom und Byzanz an griechischen und persischen, das frühe Mittelalter
des Westens wie die Renaissance ganz Europas an römischen Werken
lch die Anregungen holte, und daß die Gotik eine Kunst ist, die nur in
ilchen Ländern blühte, in denen Germanen sich heimisch gemacht und die
örtlichen Kräfte befruchtet hatten. Man war daher in Deutschland gar
nicht erschreckt, als man lange vor Mäle fand, daß persische Einflüsse sich
in frühgermanischer Kunst zeigen, und hat daher auf diese Rmstände
ohne jede Erregung hingewiesen, ebenso wie wir nicht für den Ruhm
Griechenlands zittern, wenn wir in der frühhellenischen Kunst assyrische
Einflüsse wirksam finden.

Da gab uns denn Rolland einen guten Schlüssel zur ganzen Sache.
Er erzählt von dem eifrigen Suchen der kleinen Gernegroße in Paris
nach „Originalität". Ieder will alles, was vor ihm war, zertrümmern,
um einen Anfang, eine Revolution in der Kunst, der Richtung im Staats-
leben darzustellen. Ieder zermartert sich den Kopf, das Reue zu schaffen.
Ieder will der erste sein, der das Reue fand. „Die Franzosen", sagt
Rolland, „schlagen ihre Zeit mit Erfindungen tot, mit denen sie nichts
anzufangen wissen: Es bedarf stets eines Meisters aus anderer Rasse...,
damit aus ihren Revolutionen etwas herauskommt." Und Rolland
denkt dabei nicht bloß an die politischen Revolutionen, an Napoleon mrd
Gambetta, auch an literarische, an Zola, also an drei Italiener, an
Zwingli, Calvin und Rousseau, also drei Schweizer und andere mehr.
Ihn beschäftigt vor allem die moderne Musik. Und wenn er in einem
Absatz seines Buches mit tiefster Herzenswärme von der Blüte des fran»
Zösischen Geistes, von seinen wirklich ernsten Männern spricht, so nennt
er als feinste unter den Blumen Cesar Franck, den Wallonen, wie er als
edelste Blüte des französischen Rokokogeistes Watteau hätte nennen können,
wieder einen Wallonen, dessen Vaterstadt kurz vor seiner Geburt sich noch
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