Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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einem Widerspruch geplagt wird und sich nun hinsetzt und sich jenen
Widerspruch „von der Seele schreibt". Damit ist seine Seele frei ge»
worden, er geht hin und tut seine Tat. Wenn dann die Forscher kom»
men und den Gegensatz zwischen Lehre und Leben aufdecken, so schreien
die Kurzsichtigen über tzeuchelei. Das ist fast immer ein dummes Wort.
Ach nein: hier hat einer mit Schmeichelei und Ehre der Opposition im
eignen Ich das Maul gestopft, was im Leben nicht weniger wie in der
Politik ein probates Mittel ist.

Nur darüber sollen wir uns klar sein, daß das so im Widerspruch
zum wirklichen Leben entstandene Buch eben ein sentimentales ist — und
sei es noch so bedeutend. Alle solche aus — man möchte sagen — hygie«
nischer Sentimentalisierung geborenen Werke sind für den Täter, den
Wollenden, den Menschen im Leben wertlos. Sie treiben ihre Gefühls«
richtung so auf die Spitze, daß die Wirklichkeit mit ihrer Vermittlung
nichts damit anzufangen vermag. Es steht eben keine „Persönlichkeit"
dahinter; die hatte sich ja vielmehr mit dem gefühligen Buch von allen
tzindernissen zu sich selbst befreit. Wir dürfen in dieser tzinsicht von
vorneherein allem Radikalismus mißtrauen; er ist fast immer sentimental;
der Tatmensch treibt nicht die Dinge auf die Spitze, weil das die Wirk«
lichkeit (das kommt von „Wirken") nicht gestattet. So kommt in ihrer
Endwirkung solche mittelbare Gefühligkeit auf dasselbe hinaus wie die
unmittelbare. Ihr gilt auch wie jener Kampf bis aufs Messer aller
Tüchtigen. Ls braucht aber gar nicht einmal eine ernsthafte innere Op«
position zu sein, um deretwillen ein Starker sentimental wird. Die Tat
ist nicht nur gewalttätig, sie ist auch ermattend. Der Täter braucht zwi-
schen den Taten Ruhe. Ist nun sein ganzes Gefühlsleben auf die Tat
gerichtet, so treibt ihn ja jede Seelenregung sofort aus der Ruhe wieder
heraus. Das aber ist, je tätiger der Mensch ist, um so weniger erträglich.
Rnd so gönnt sich gerade der Tätige gern die Erholung einer kleinen
Gefühligkeit. Wenn das auch nicht nützlicher Tierschutz oder nützlicher
tzeimatschutz ist, sondern ein Marlittroman oder eine süßliche tzuldin in
Alabaster oder Ol — gönnen wir ihm doch seine Lrholung! Solche Ge^
fühligkeit willenstarker Naturen ist gewiß für den Seelenforscher ein
Schönheitsfehler, das Allzumenschliche am Äbermenschen. Es ist nicht wohl
angebracht, sie zu bewundern, man soll wohl wissen, daß sie eine
Schwäche des Starken ist, aber sie ist schließlich rein seine Privat-
angelegenheit; er hat sie von seinem Werk, das für uns gilt, ferngehalten.
Es ist für den Kleinen, der den Großen beurteilt, wohlanständig, über
solche schließlich doch schmerzliche Narrheiten wegzusehen, allenfalls mit
bescheidenem Lächeln.

So bleibt, wie man's auch drehen und wenden mag, Gefühligkeit ein
Feind des Wirkens, des Lebens. Alternde Kulturen gehen an ihr zu-
grunde, von Natur tatschwach veranlagte Rassen werden von ihr in der
Aufwärtsentwicklung gehemmt, willensstarke Völker schaffen sie sich vom
Leibe. Bei uns Deutschen ist das neunzehnte Iahrhundert die Geschichte
des Kampfes gegen die Sentimentalität in der Volksseele gewesen. Die
Romantiker waren die stärksten Vertreter der Sentimentalität, die das
Deutschtum je erlebt hat. Sie waren für uns um so gefährlicher, als sie
gerade das Ideal des Deutschtums selbst als Grundlage ihrer Gefühlig-
keit erkoren. Sehr vieles von dem unverständigen Gefühlsüberschwang im
Radikalismus der „Teutschen" kommt auf die Rechnung der Romantik
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