Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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und das geschreht am besten, indenr ich sage, welche ich nicht meine. Das
sind einmal alle Versuche, das bestehende Herrschaftsverhältnis zu ändern
oder zu festigen. Machtpolitik, mag sie zwischen Kirche und Staat, König
und Volk, Regierung und Parlament, Stadt und Land spielen, ist stets
Parteipolitik. Ich meine auch nicht diejenigen Kulturbestrebungen, die,
mit Hilfe öffentlicher Organe, das geistige Leben der Volksgenossen im
Sinne bestimmter Weltanschauungen lenken wollen. Tatsächlich sind ja
solche Tendenzen in unserm Parteileben als tiefgehende Rnterströmungen
da, tatsächlich haben wir heute ein liberales und ein konservatives, ein
sozialistisches und ein christlich-ckatholisches Bildungsideal; und häufig
pflegt man Kultur weniger um ihrer selbst willen, als dieses letzten Sinnes
wegen, den man mit ihr verknüpft. Man wertet die objektiven Gebilde
in Kunst und Forschung, in Recht und Erziehung nur nach der Innigkeit,
mit der sie von jenen Weltanschauungsgehalten durchwachsen sind. Ob
die Verguickung der Kultur mit den Parteien, insbesondere mit den heuti«
gen Parteien, eine Notwendigkeit ist, das zu untersuchen wäre eine reiz-
volle Aufgabe, die wir uns indessen hier nicht stellen.

Denn die Tendenzen, die wir meinen, gehen mehr aufs Außerliche, Ma- '
terielle. Ihr Gegenstand ist entweder die stoffliche Umwelt des Menschen,
die technisch oder wirtschaftlich, oder der physische Mensch selbst, der gesund-
heitlich leistungsfähiger gemacht werden soll. Insofern man materielle
Wohlfahrt nur als die notwendige Grundlage höheren Geisteslebens schätzt,
wird man die Bestrebungen dafür im Gegensatze zu der erwähnten „Kultur-
politik" am besten als „die Politik der Kulturmittel" bezeichnen dür-
fen. Ihr Ziel und Inhalt ändern sich nicht, wenn die Kulturideale sich
ändern. Sie blieben die gleichen in der Demokratie wie in der Theokratie,
im geschlossenen Handelsstaat wie im sozialistischen Zukunftsstaat. Kinder-
schutz und Waldschutz, Altersversorgung und Moorkultur, Tuberkulose-
bekämpfung und Wegebau werden nichts zu tun haben mit der Verschie-
denheit der Weltanschauungen. Und doch wird fast immer eine Partei-
sache daraus, sobald das Stadium der wissenschaftlichen Untersuchung be-
endet ist. Die Gelehrten — Arzt, Volkswirt, Naturforscher — bemühen
sich, heute ängstlicher denn je, unparteiisch zu bleiben. Sie bekümmern
sich nur um die Erforschung der Mittel, die ein bestimmtes hygienischrs,
soziales oder technisches Ergebnis am sichersten herbeiführen; und stünden
alle erforderlichen Mittel in unbeschränkter Menge zur Verfügung, so
gäbe es überhaupt keinen Streit. So aber will der Agrarier nichts von
Fürsorge in den Städten wissen, weil er die seiner Meinung nach „hyper-
trophe" Industrie nicht noch durch staatliche Zuwendungen stärken will;
und der Freihändler wieder versagt ländlichen Meliorationen die öffent-
lichen Fonds, weil bei Öffnung der Grenzen, wie er sie erstrebt, der Wett-
bewerb mit dem Auslande doch aussichtslos sei. Rnd ähnlich überall!
Gibt man aber ein Bedürfnis und ein öffentliches Interesse zu, dann feilscht
man um die Höhe der auszuwerfenden Beträge und rechnet einander die
Opfer nach, die der Staat früher einseitig gebracht habe. Der Staat selbst
aber und die Kommune helfen sich bei der Budgetierung mit einem un-
logischen Kompromiß, welcher die größten, aber nicht immer hungrigsten
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