Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Dunkel hin, durch das selten die
Sonne sinkt; und unter dern Dunkel
zu gehn, in den Wäldern, in den
Parks macht einen den Sinn oft
traumhaft müde und gedankenschwer.
Dunkel geht durch Blut und Gedan«
ken vielleicht das Wissen: die Ent»
wicklung eines Iahres ist auf der
tzöhe; die stillen Stunden sind da.
— Die Abende und Nächte wissen
es vielleicht am besten. Wenn Erde,
Menschen und Pflanzen sich von der
lastenden schweren Hitze glühender
Sommertage erholen, unterm kühlen
Lau der Äacht, im leise streifenden
Wind die große Landschaft still und
selig daliegt, im Dämmer der
Nacht eins zum andern gefügt; es ist
still, ganz still. Da lauscht man wohl
unter den Kronen neben den Bü-
schen einem kurzen augenblicklichen
Aufrauschen; und weiß, die begin«
nende Neife braucht diese Stille; die
Glut; dieses dunkle Abgeschlossen«
sein. Ein Dichter hat es so ausge«-
sprochen:

Das Reisen ist wie ein sehr tiefer

Schlaf.

Im schweren Dunkel all der Rlmen,

Linden,

Der Eichen, Buchen, unter dunklem

Strauch —

Will ein Geheimnis zu sich selber

finden,

Das seine Sehnsucht übers Land

hinrief

In vielen weißen Blüten, bunteni

Grün,

Rnd das dann schwieg, als schnell

hinschwand

Buntheit und Blühn.

Den Wundern des Schlafs kön«
nen wir nachdenken; wie die Früchte,
dunkel zwischen dunklem Sommer-
laub Hängend, in langsamer Reife
die letzte Form zu .finden suchen.
And den großen Wundern der Ein»
samkeit und Gemeinsamkeit können
wir nachlauschen: wie doch ein jedes
Ding, jedes Pflänzchen und Gar«

Lenseelchen, wie eng sie auch alle bei«
sammen stehn, wie doch ein jedes
alles bei sich selber nur ist, da-
rauf angewiesen ist, sich selber
zu vollenden. Im Schatten, im
Licht, im Sommerwind schwankt
leise die Sehnsucht zwischen den
Dingen und Seelen; aber im In-
nersten ist jedes bei sich. —

Der Schlaf der Reife des Som-
mers hat Geheimnisse, denen man
lange nachsinnen kann und die man
dennoch schwer erreicht.

'Achön ist es zu wandeln unter
den Bäumen; im Wald, unter den
Park- oder Gartenbäumen; wenn
man aus heißen staubigen Straßen
kommt oder aus heißer heller Feld-
landschaft; etwa nach einer Wan-
derung zwischen wogenden flim-
mernden Kornfeldern hin — ist das
Eintreten unter die schattigen Wip-
fel wie ein große Erlösung. Ich
erkläre mir die weltverlorene SLim-
mung mancher Märchen aus sol-
chem Gefühl einer namenlosen
Stille... KarlRöttger

^Die heilige Not"

Za Otto Crustus* Gedichte

^>m Anfang des Krieges mochte
o Otto Crusius, von dessen Gedich-
ten und Liedern die Leser dieses
Blattes ja mehr als einmal etwas
kennen gelernt haben, Vielen als
„Zeitdichter" gelten; ein sonderba-
rer Notbegriff, unter dem sich
Manche einen Reimer von Zeitge-
danken und Künder von Zeitgefüh-
len, Manche einen Dichter „auf
Zeit", der nur gerade in der Erre-
gung der Stunde dichtet, die künst-
lerisch Gebildeten und Kritischen aber
jedenfalls einen Dichter für die
Zeit vorstellen, der bald vergessen
sein wird und künstlerisch nicht viel
bedeutet. Sie werden überrascht
sein von der Sammlung der Crusi-
usschen Gedichte, die nun unter dem
Titel „Die heilige Not" erschienen

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