Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 17.1899

Page: 101
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Geschichte des Kheateich in Mim. ?
Von Theodor Schön.
(Fortsetzung.)
3. Das Schultheater im Weug eil-
st ist in Ulm.
Die ältesten Anfänge der Aufführungen
von Theaterstücken in den Klöstern reichen
jedenfalls bis auf die Beteiligung der
älteren Klosterschnlcn an den mittelalter-
lichen Spielen zurück. An diesen geist-
lichen Schauspiele», besonders den Oster-
nnd Pfingstspielen, welche zuerst in der
Kirche, später auf dem Kirchhofe oder
Marktplatz anfgeführt wurden, nahmen
außer de» Geistlichen auch die Kloster-
schüler und Chorknaben als Darsteller weib-
licher Nöllen teil. Dargestellt wurden
Scene» ans der heiligen Geschichte, nament-
lich ans der Passion, der Auferstehung
und der Wiederkehr Christi. Die Bühne
war in drei Stockwerke geteilt, von denen
daö oberste den Hinmiel, das mittlere die
Erde und das unterste die Hölle darstellte.
Nach der Reformation wurden, wie man
sah, im protestantisch gewordenen Ulm die
Aufführungen der deutsche» und Latein-
schüler von der Straße in bestimmte städtische
Häuser verlegt.
Eö ist ein entschiedenes Veldienst der
Gesellschaft Jesu, durch die theatralischen
Darstellungen, weiche vom Ansgang des
16. Jahrhunderts an in den von den
patres socictatis )esu geleiteten Schulen
anfkamen, der nenlateinischen Dramen-
dichtung einen kräftigen Aufschwung ge-
geben zu haben. Am Jahiesschlnß,
auch an Fastnacbt und bei besonderen
Veranlassungen (Priesterjnbiläen, fürstlichen j
Besuchen re.) wurde ein Theate»stück verfaßt j
oder auch ein vorhandenes gewählt und
von den Schülern öffentlich anfgeführt.
Zn den alten rhetorischen Elementen ge-
sellten sich nunmehr in den Stücken neue,
die ans der italienischen Opern- nndPastoral-
poesie stammten.
Anfangs wurden die Vorstellungen im
Hofe des Kollegiums gegeben. Die Zu-
schauer zahlten ein Entree und vom Er-
lös wurden die Auslagen bestritten. Später
wurde in der Regel ein eigenes Theater
oft mit vielen Kosten hergestellt, nie sich
denn auch die Vorstellungen vielfach durch j
großen Prunk auszeichneten. Denn ob-
gleich die Vorstellungen meist ernster Natur ^

waren, waren sie allezeit sehr zahlreich
besucht.
Dem .Beispiel der Gesellschaft Jesu
folgten bald die andern Ordens, so auch
die regulierten Kanoniker des Stifts zu
den Wengen in Ulm.
Denn diese Schülerausführunge» boten
zweierlei Vorteile:
Erstens war das öffentliche Auftreten
im Theater die schönste Gelegenheit für
die äußere Bildung der Schüler. In
dieser kleinen hölzernen Welt konnten sie
ihre Brauchbarkeit für die große Welt
beweisen. Hier zeigte sich's, in welchem
Kreise der menschlichen Gesellschaft ein
jeder in Zukunft werde zu verwenden sein.
Durch daö Schultheater wurde eine Seite
der Erziehung gepflegt, welche vielfach
nicht zum Vorteil der Jugend von der
Dchnle zu wenig beachtet wird. Es ist
dies die äußere Bildung, die Form, durch
welche die innere, die geistige Bildung sich
der Welt empfiehlt. Der größte Schatz
von Kenntnissen, die höchste, wissenschaftliche
Vollendung wird ohne diese äußere Bil-
dung, ohne die äußere Form nur selten
Anerkennung finden, wie ein edler Wein
in einem trüben Glase.
Zweitens gewannen die zum geistlichen
Beruf bestimmten Schüler — und deren
waren sicher viele im Wengenkloster —
durch das Theaterspielen die nötige Ruhe
und Sicherheit, um vor einer größer»
Menge, ohne zu stocken und in angenehmer
Form zu reden, zu predigen.
Schon um 1516 dichtete Martin My-
lins, ein Wengener Chorherr, eine passiv
LIrristi und gab sie in Reichenau im Druck
heraus?)
Am 15. August 1679, an 'Mariä
Hinnnelfahrtsfest, spielte» die Geistlichen in
der Wengen mit ihrer Schuljugend Ko-
mödien und t-ille» Prämien ans. An
Michaelis 1680 wollten sie wiederum
spielen. Aber der Magistrat erlaubte eö
ihnen nicht. Am 4. und 5. September
1736 führte dagegen die „studierende Ju-
gend des befreyten Gottshanß emnonivvruin
s) S. über das Klostertheater in den Bene-
diktinerstiften Wiblingen, Ochsenhause», Zwiefal-
ten : Ehingen: Neresheiin, Elchingen n. s. w.: Beck
„Ans e. schwab. Reichsstift" iin „D.-A. von
Schwaben" von 18N4 Beil. 4 n. 5 „Klostertheater
in Marchthal" ebendas. Nr. 13/14 ff.
'0 „D.-A. v. Lchwaben", a. a. O. Beil. 5, 18.
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