Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 18.1900

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scheuer, neueruugssüchtiger Menschen kennt, und !
nicht schon in der Jugend über das Gute, so
diese hat, belehrt morden ist, wie nachteilig für
Ruhe und Bürgcrglück, und wie traurig für Re-
genten müßte nicht diese Vergleichung nusfallen! j
Man sage ja nicht, das; dieses alles die Jugend
noch nicht berühre! O! das Häuschen afft den '
Hansen nach. Man vergesse es ja nie; Kinder i
haben ein scharfes Gesicht und Gehör; menn sie
auch zuweilen nicht auf das zu merken scheinen,
was andere reden oder thun, so sehen und hören
sie doch gemeiniglich alles, und ahmen leider nur
zu oft gerade das Schlimmste nach. Nur einen
Blick auf Frankreich! Hielten dort nicht auch
Knaben ihre Klubs und schickten Deputationen
an den Nationalkonvent; haßten oder liebten sie
sich nicht selbst unter einander, wie sie sich nach i
dem Beispiele ihrer Eltern royalistisch, aristokratisch
oder jakobinisch nannten, und balgten sich herum
und guillotinierten ihre Puppen! —
Auch die veränderte Lage in der Schreib-
und Lesewelt machte es jedem Schullehrer zur
Pflicht, recht frühe die Wißbegierde der Jugend
auf mannigfaltige, aber immer nur nützliche Gegen-
stände zu lenken. Lange schon klagen die Pressen
über Mangel an Papier, um die heißhungrigen
Leser mit Romanen in Duodez und Folio in
allen Formaten, mit Fccnmärchcn, Räuber- und
Rittergeschichten, Fehmgerichten, Almanachcn und
Taschenbüchern, und wie die Dingerchen alle heißen
mögen, zu befriedigen. Alles las, von der Dame
bis zum 'Stubeninndchen, am Pulte und in der i
Werkstätte. Man empfindelte, süßelte, träumte, !
schauerte, schwärmte mit; man freute sich baß,
wie Reißige und Knechte ihrem stattlichen Ritter ;
— ihrer Obrigkeit — den Handschuh oorwarfen >
und den Gehorsam aufsagten und wünschte dann i
bald ein gleiches thun zu können. Man las von
Fehmgerichten, und glaubte in denselben die in
unfern Tagen so sehr herabgewürdigte deutsche
Reichsverfassung die conüisio ckiviiiitus conservata
gefunden zu Habel,, und wurde ihrer überdrüssig.
Man las vom Lande der Freiheit und Gleichheit
im Monde, Mereiers Jahr 2440, und hienieden
und jetzt schon sollte es auch so werden. Man j
las und las wieder Spott über Religion und !
spottete mit. Bei dieser Lage der Dinge nun, !
Hütten Jugendlehrer nicht Rücksicht auf sie ge- ,
nommen, ihre Schüler immer noch nach dem
alten Leiste geformt, durch volle sechs Jahre
einzig Schullatein eingebläut, und ihnen höchstens
am Ende eines Schuljahrs einige Blätter aus i
der Geographie, und Peter Canisius zum Aus-
wendiglernen vorgelegt — waS müßte aus ^
ihnen geworden sein, und was jetzt erst in unfern
Tagen werden! Wie schnell würden sie mit dem ^
Strome fortgerisscn, wie bald verdrängte das
bißchen Schulwissen, das ohnehin bei dein ewigen i
Einerlei zum Ekel geworden untre, herrschende i
Mvdelektüre und politisches Kannegießern! Wie ;
bald wäre der schwache, auf bloßes Ansehen des !
Schulbuches angenommene Katechismusglaube
weggespöttelt! Ö gewiß! Es war hohe Zeit,
hierin zu reformieren, auf den Geist des Zeit- '
alters Rücksicht zu nehmen, dem Verderbnis in
früher Jugend vorzubeugen, und dem aufkeimcnden
Guten auf- und nachzuhelfe». Frühe muß die

Geistesthütigkeit des Schülers geweckt, mit ernster
Liebe unterstützt und auf mannigfaltige und nütz-
liche Gegenstände gelenkt werden; frühe muß sein
empfängliches Herz von reiner Achtung vor dem
Gesetz erwärmt und zum Hochgefühl für Menschen-
würde entflammt werden; sonst verläßt er mit
der Schule auch seine Schutzengel, seine allein
sicher leitenden Führer Religion und Sittlichkeit.
In einer Schlußapostrophe an die teu-
ersten Eltern ihrer Schüler beteuern die
Zngendlehrer, wie das große Ziel, das sich
moderne Erziehung vorsetzte und nach dem
auch sie strebten, das ist, Verehrer des
lieben Vaters im' Himmel, im Geiste und
in der Wahrheit, sittlich gute Menschen
und brauchbare, rastlos thätige Bürger aus
den hoffnungsvollen, ihnen anvertrauten
Kindern zu bilden, und flehen zur all-
gütigen Vorsehung, sie möge dieses reine
Bestreben zum Besten ihrer Schüler, zum
Besten des lieben deutschen Vaterlandes
segnen!
Nun reiht sich der Lehrplan an,
welcher mit den Sprachw issensch aste n,
wie folgt, beginnt:
Lateinische Sprache.
I. oder A n f a n g s k l a s s e.
Lehrbücher:
Kleine lat. Grammatik von CH. D. Brö -
der, Leipzig, 1795. — Praktische Anleitung
zur lat. Sprache, nach den Regeln der
Bröderschen Grammatik in Beispielen und
Exerzitien von G. A. Werner, Tübingen,
1793. — Die Schüler übersetzen n) ans
der Bröderschen Grammatik, die lat. Lek-
tionen ans der Naturgeschichte, und die
Gespräche über die Religion und den täg-
lichen Umgang in das Deutsche; d) aus der
Wernerschen Anleitung die deutschen Lek-
tionen aus der Götterlehre und Geschichte
in das Lateinische.
II. Klasse.
Lat. Lesebuch für die Anfänger, von
F. Gedike, Berlin, 1791. — Hebungen
im Lateinschreiben zu Gedikes Lesebuch,
Frankfurt, 1793. Die Schüler übersetzen
a) ans Gedikes Lesebuch 40 Fabeln und
die Mythologie in das Deutsche; I>) aus
den Hebungen 40 deutsche Lektionen aus der
Naturgeschichte, Naturlehre und Geographie
in das Lateinische.
III. Klasse.
Lehrbücher:
Neues lat. Lesebuch ans Originalschrift-
stellern gesammelt, von A. I. Hecker,
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