Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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REINHOLD MAETZKE BERLIN.

LEDERBAND M. FÄRB. EINLAGEN.

DER BUCHBAND DES JAKOB KRAUSSE-BUNDES.

INTERNAT. AUSSTELLUNG FÜR BUCHGEWERBE UND GRAPHIK—LEIPZIG 1914.

Es gibt Bücher, die einmal gelesen werden
und nur wie ein flüchtiges Erlebnis berühren,
ohne zu haften, ohne zu erneuter Einkehr ein-
zuladen. Das ist weitaus die Mehrzahl. Sie
sind von der Art, die unser Gemüt nur leicht-
hin streift und unsere Gedanken nur in jene
vorübergehende Schwingung setzt, die nicht
anhält und spurlos austönt. Und dann gibt es
Bücher, die unser eingeborenes Wesen auswählt
aus dem vollströmenden Überfluß der Zeit und
zu Gefährten des Lebens nimmt. Heiter und
ernst, von spielender Anmut und tieferer Be-
sinnung wie sie sind die Stunden, in denen
wir zu ihnen wiederkehren, ihr Charakter ver-
schwistert sich dem unsern und wird Quelle,
aus der die wechselnden Lebensalter auf den
ansteigenden Stufen ihrer Reife die ihnen an-
gemessene Erquickungund Bereicherung suchen.
Solche Bücher wollen wir nicht im flüchtigen,
unscheinbaren Gewand sehen, für sie verlangen
wir die Fassung, die ihren Inhalt auch nach
außen kehrt und unsern Anteil an ihnen in
dauernder, schöner Form kenntlich macht.

Diese Bücher gehören zu jenem Hausrat, der
dem Stubenleben Anhalt, Sinn und Anmut gibt.

Mehr noch als Raum und Möbel, die heute
schneller wechseln und früher zugrunde gehen.
Wir haben sie ständig um uns, und wenn wir
nach ihnen langen, ist in dieser Handhabung
mehr Bedeutung als in jeder andern, die einem
Hausgerät gilt. Zumindest sind wir heute wieder
dieser Meinung wie in jenen guten Zeiten des
Buchhandwerkes, als dieses wahrhafte Haus-
bücher hervorbringen wollte. Die Renaissance
des Buchgewerbes hat, in Deutschland wenig-
stens, ihren vorwiegenden Sinn auf das Haus-
buch gerichtet. Auch damit ist schon die Würde
dieser Dinge näher bezeichnet, ihre äußere
Fassung enger umschrieben. Sie müssen teil-
nehmen an dem wiedererwachten Schönheits-
verlangen nach der heimgebenden Stube, das
Merkmal des rein auf sich bedachten Werkes
aufgeben und sich dem Ganzen der Häuslich-
keit, für die sie bestimmt sind, ein- und unter-
zuordnen trachten.

Die Bücher, von denen wir sprechen, dienen
häufigem Gebrauche. Man hält sie in Händen,
man stellt sie in den Schrank, man legt sie auf
den Tisch zur Schau. Der Umgang mit ihnen
bei der Lektüre erfordert ihre Handlichkeit

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