Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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Unzeitgemäße Notwendigkeiten.

sere Konfektionäre werden wieder wie bisher
nach Paris fahren, um Modelle zu kaufen und
Anregungen zu holen, unsere Seiden-, Samt-
und Tuchweber, unsere Damenhutmacher wer-
den ihre Weisungen von dort erhalten und so,
angeregt durch Paris, werden wir voraus-
sichtlich wieder den Weltmarkt beherrschen.
Ob in bescheidener Anonymität wie bisher,
muß die Zukunft lehren!

Was für den beschränkten Absatz während
der Kriegszeit unsere Fabrikation und Massen-
konfektion allein tun kann, scheint klar: In der
Art der letzten Modeerscheinungen ruhig weiter
arbeiten und darauf vorerst verzichten, aus-
gefallene „Nouveautes" bringen zu wollen. Eine
Mitarbeit von künstlerisch gebildeten Kräften
wird dabei nur von Nutzen sein.

Davon ganz unabhängig müssen die Bestre-
bungen, uns für den eigenen Bedarf an Kleidern
vom Pariser Modellmarkt frei zu machen und
dauernde Selbständigkeit Zugewinnen, betrach-
tet werden. Dies kann nur die Aufgabe der
guten Maßschneiderei und nicht die der Indu-
strie sein. Das Gelingen wird letzten Endes
nur von der tätigen Anteilnahme und Mitarbeit
der Frauen von gutem Geschmack erwartet
werden können und von deren Ehrgeiz, nicht
nur elegante Kleider tragen zu wollen, sondern
an deren Entstehen beteiligt zu sein. Unsere
Unabhängigkeit kann auch nur so verstanden
werden, daß sich in Deutschland Schneider-
ateliers zu einer so bedeutenden Selbständig-
keit und Höhe der Leistungen entwickeln, daß
sie immer in Übereinstimmung mit der Mode
der anderen zivilisierten Länder, den Pariser
Ateliers nicht nachstehen. Ein solches Beginnen
ist nicht aussichtslos, das zeigt der Erfolg Wiens,
wir werden auch ermutigt durch den Umstand,
daß in Paris nach einer Periode unzweifelhaften
Niederganges eine Reorganisation einsetzte, die
unbestreitbar auf den Einfluß der deutschen
und österreichischen Bewegung in den deko-
rativen Künsten zurückzuführen war.

Aber, es darf nicht übersehen werden, daß
die Pariser Modelle nicht von kleinen schlecht
bezahlten Nähmädchen, sondern von berühm-
ten (und hoch bezahlten) Kleiderkünstlern ge-
macht wurden. Was wir also brauchen, sind
Künstlerinnen und Künstler, deren Ausdrucks-
mittel nicht Farben und Pinsel oder Meißel und
Marmor, sondern Nadel und Schere, Stoffe und
Bänder sind. Leute mit sicherem Instinkt für
eben jenes „sich gut anziehen", die ihr Handwerk
gründlich gelernt haben und denen der Mut
der eigenen Idee nicht mangelt. Dazu müssen
in den Modeateliers und Werkstätten solche
Kleiderkünstler, die mit lebendigem Ehrgeiz zu

selbsteigener Leistung begabt sind, erzogen
und gefördert werden. Und hiermit muß man
heute schon beginnen, so daß in kommenden
friedlichen Zeiten ausgebildete und eingear-
beitete Kräfte bereit sind, mit ihren Leistungen
in die Öffentlichkeit zu treten.

Denn es scheint eine wirkliche Anteilnahme
nicht nur der Produzenten (welche selbstver-
ständlich ist), sondern auch der als Abnehmer
in Frage kommenden Damen vorhanden zu
sein, da selbst jene eleganten Erscheinungen
aus unseren reichen und tonangebenden Krei-
sen, die bisher nur Pariser Originale gelten
ließen, plötzlich Eifer und guten Willen zeigen.
An Talenten wird es nicht fehlen.

Wir brauchen unsere Hände also nicht ruhen
zu lassen, bis uns die Pariser Modelle wieder
in den Schoß fallen, um dann wieder mit immer
bereiter Selbstverachtung alles wähl- und kritik-
los hinzunehmen, wie es uns das Ausland schickt.

Natürlich dürfen wir keine neuerfundene
Spezialtracht, die uns von anderen Völkern
unterscheidet, einführen wollen. Aber wir
werden und müssen auch in der Art uns zu
kleiden, zum Bewußtsein unseres Wertes und
unserer Eigenart kommen, jener Eigenart, deren
starke Stützen Einfachheit und phrasenlose
Sachlichkeit sind.

Werden sich mit diesen stolzen Eigenschaf-
ten der Sinn für Schönheit und Grazie in fort-
schreitendem Maße verbinden ? Die Entwicke-
lung der letzten Jahre auf anderen verwandten
Gebieten läßt es hoffen und so dürfen wir
erwarten, daß Deutschland auch im internatio-
nalen Reiche der Mode eine geachtete Selb-
ständigkeit erringen wird, sobald erst der
Frieden den leichten Künsten wieder Spiel-
raum gewährt. bruno paol.
£

Um ein geschlossenes Vorgehen zu erzielen, hat der
„D.W.B." einen „Ausschuß für Mode-Indu-
strie" gebildet und folgende Richtlinien festgelegt:
„Um die deutsche Mode-Erzeugung selbstän-
dig, d. h. vom Auslande unabhängig zu machen,
ist es notwendig, sie von Grund auf, durch alle
Abschnitte der Entwickelung bis zum Kleidentwurf
künstlerisch zu durchdringen und zu läutern.
Eine Änderung der bewährten Erzeugungsart ist
damit nicht beabsichtigt. Die mitarbeitenden Künst-
ler müssen sich vielmehr ihr einfühlen... A11 e B e -
stand teile der Bekleidung müssen deutschen
Ursprunges und Entwurfes sein; alle fremd-
ländischen Bezeichnungen müssen fortfallen. Der
Internationale Charakter der Modemufj,
sowohl aus eigenen, wesensinneren, als auch aus
wirtschaftlichen Gründen, der Exportmöglichkeit
e r h a 11 e n b 1 e i b e n..........u d. r.

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