Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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PROF. CONR. SUTTER - PFUNGSTADT.

HESSISCHES

Wenn man als Ergebnis der Untersuchung
über die Bedeutung des Spielzeuges für
die Entwicklung des Kindes anerkennt, daß das
Spielzeug das natürlichste Mittel zur unvermerk-
ten Erziehung des Geschmackes ist, so wird
man nicht verstehen können, wie es möglich ist,
daß der Spielzeugmarkt in der Hauptsache immer
noch vom Schund beherrscht wird, der nicht nur
völlig wertlos ist, sondern direkt schädlich wirkt,
weil er den gesunden Sinn für das Brauchbare
und Solide zerstört, dem Kinde falsche Vor-
stellungen der Dinge seiner Umgebung vermittelt
und es um die zur körperlichen und geistigen
Gesundheit unerläßliche Freude betrügt.

Wohl kann das Kind auch ohne Spielzeug
spielen, seine Phantasie belebt die prosaisch-
sten Dinge; es würde jedoch zu einer gefähr-
lichen, einseitigen Entwicklung führen, wenn
lediglich die Phantasie im Spiel betätigt würde.
Gutes Spielzeug muß daher eine unumstößliche
Forderung der Pädagogik sein.

Weder ein krasser Naturalismus, noch eine
leblose Stilisierung, sondern nur die künst-
lerisch lebendige Auffassung und die solide
Ausführung kommen für ein brauchbares Spiel-
zeug in Betracht, welches die kleine Darstellung
unserer Umgebung ist. Eine Darstellung kann
aber nur künstlerisch gut und somit nützlich oder
künstlerisch schlecht und somit schädlich sein.

Die „Hessischen Spielsachen" aus den Werk-
stätten des Professor Conrad Sutter haben von
der gedrehten Grundform ausgehend, mit Hilfe
charakteristischer Schnitzerei und Bemalung

HESSISCHES SPIELZEUG »MUHLE«

SPIELZEUG.

ein fügsames Ausdruckmittel der körperlichen
Erscheinung gefunden. — Der Grundsatz, daß
ein in den Raum gestelltes Ding auch im Räume
wirken muß, wird auch weiterhin im Hessi-
schen Spielzeug beibehalten.

Die genannten Werkstätten sind in die
„Hessische Spielwaren-Manufaktur G.m.b.H.
in Pfungstadt" umgewandelt worden, und Seine
Kgl. Hoheit der Großherzog von Hessen
hat deren Protektorat übernommen.

Die Manufaktur war auch auf der „ Deutschen
Werkbund-Ausstellung in Köln" vertreten. Man
faßte hier in einem größeren Schaustück, das eine
in die Landschaft gestellte Mühle, mit wasser-
getriebenem Mühlrad, darstellt, vielerleimensch-
liche Figuren, Fuhrwerke und Haustiere zu-
sammen, deren differenzierte Behandlung, die
Darstellung zu jener gewissen Vollendung führt,
welche das Spielzeug als besonderes Erzieh-
ungsmittel und als Lehrmittel kennzeichnet.

Der Krieg hat die junge Manufaktur zunächst
still gelegt. Wenn wir dennoch diese Erstlings-
arbeiten derselben bekannt geben, welche
zeigen, wie das einfachste Spielzeug durchaus
gut sein kann, wenn die Darstellung das Wesent-
lichste unterstreicht, auch den Witz heraushebt,
aber die Karikatur vermeidet, so geschieht es
in der begründeten Aussicht, daß einst, im ge-
sicherten Frieden, diese Pionierarbeit ausgebaut
werden wird, um die große ethische Forderung
zu erfüllen: das Denken, Wollen und Handeln
des Kindes durch Darbietung geeigneten Spiel-
zeugs in bestimmte Bahnen zu lenken. —

19U/15. III. 7.

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