Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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Der Fall Hodler.

Niemand vermag ins Unabänderliche einzugreifen
und niemand kennt die Absichten der Vorsehung.
Verantwortung fühlen ist alles. Einem Volke aber,
das in der Not die höchste Tugend des Opfers
bewährt hat, darf die Welt ihr Vertrauen nicht ent-
ziehen. Es wird ihr, was seine Hände zerstören
mußten, einst hundertfältig zurückgeben." osthaus.

»

Die Antwort Hodlers lautete:

„Von den verschiedenen gegen mich gerichteten
Kundgebungen ging mir die Ihrige zu Herzen.
Deshalb gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr, diese
Erklärung:

Alle meine Freunde in Deutschland sind betreffs
meiner Unterschrift des Protestes gegen das Bom-
bardement von Reims erstaunt und irregeführt.
Man hat mich deshalb, jerjt schon, zum Deutschen-
feind gemacht. Nun sollen sie wissen, daß das der
Wahrheit und meinem inneren Wesen vollständig
widerspricht. — Das bin ich nicht. — Als ich diesen
Protest unterschrieb, hatte ich allein die Absicht,

mein Bedauern gegen die Zerstörung eines so be-
deutenden Kunstwerkes auszusprechen. Hätten Fran-
zosen oder eine andere Macht in gleicher Weise
ein deutsches Kunstwerk beschädigt, würde ich nicht
gezögert haben, einen ähnlichen Protest zu unter-
zeichnen. Niemals aber hatte ich den Gedanken,
das deutsche Volk, das ich hochschätje, zu beleidigen.

Ich bitte Sie also, meine Unterschrift nur in
diesem angezeigten Sinne aufzufassen, das heißt
ohne jegliche beleidigende Form. Glauben Sie,
hochverehrter Herr, wie zuvor, an meinen inneren
Zusammenhang mit dem deutschen Wesen."

Es grüßt Sie Ihr ergebener ferd. hodler.


Seine Sympathie für Deutschland hätte Herrn
Hodler, wie die „Frankfurter Zeitung" bemerkt,
veranlassen sollen, vor Abgabe seines Votums den
Ursachen und Gründen unserer Handlungsweise
nachzugehen. Vielleicht hätte ihn das veranlaßt,
seinen Protest gleich an die richtige Adresse zu
richten, nämlich an die französische!.......

HODLER GEGEN HODLER.

von joseph aug. lux.

Hodler hat einen antideutschen Protest wegen
Beschädigung der Reimser Kathedrale unter-
schrieben. Das war schier soviel, wie eine Feind-
seligkeit. War es Deutschenhaß? Nein, be-
stimmt nicht. Eine Dummheit war es. Aber
Dummheit ist Verbrechen in diesem Fall, wo
es um unser nationales Ehrgefühl geht. Wir sind
jetzt sehr empfindlich darin, endlich, und haben
ein Recht, es Hodler sehr zu verübeln. Er hätte
zumindest schweigen müssen. Ganz richtig:

„Bilde, Künstler.......!"

Vielleicht aber hat er seine Dummheit aus
ehrlichster Überzeugung begangen, aus künst-
lerischer Überzeugung sozusagen. Höchst wahr-
scheinlich sogar. Der Mann sitzt in Genf und
hat nur die französischen Lügenmeldungen vor
sich. Er hat zweifellos im guten Glauben ge-
handelt. Und dann, ich bitte: ein Künstler!
Von Temperament beherrscht, nicht von Ver-
nunftgründen! Er sieht wohl jetzt, daß er ob-
jektiv im Unrecht war, aber er beruft sich auf
ein subjektives Recht, gleichsam zur Entschul-
digung. Nun, und ein gewisses subjektives
Recht lassen selbst die bürgerlichen Gerichte

gelten......

Indessen, ich will ihn nicht verteidigen. Er
hätte uns besser kennen müssen, um nicht auf
Lügen hereinzufallen. Er hat unsere Freund-
schaft genossen, sein Stern ist bei uns aufge-
gangen, zuerst in Wien, wo ihn die Sezession
gefeiert hat, dann in Berlin und in den anderen

deutschen Kunststädten.*) Frankreich hat sich
nie um ihn gekümmert. Selbst die schweize-
rische Heimat hat von dem Künstler nicht viel
wissen wollen. Wenn einer Ursache gehabt
hätte, für den deutschen Kunstgeist zu zeugen,
so war es Hodler. Daß er das Gegenteil getan,
mußte uns alle empören.

Nun wirft man ihm allerdings auch vor, er
sei undankbar gegen uns gewesen. Aber es
fragt sich, ob der Vorwurf stichhaltig ist. Man
sagt, der Künstler sei durch uns groß geworden,
wir haben ihn zu dem gemacht, was er ist. Ich
weiß nicht, ob wir das können. Der Künstler
wird groß durch sein Genie. Wir haben ihm
nur den Weg geebnet, das ist unser Verdienst,
unsere Schönheit. Wir haben es keineswegs
nur ihm zuliebe getan, wir haben es vor allem
uns zuliebe getan. Also haben wir dabei doch
nicht auf seinen Dank spekuliert. Die Frage
ist strittig, ob der Künstler dem Publikum dank-

") Wie unsere Leser wissen, war es die „Deutsche Kunst und
Dekoration", die Hodler im Jahre 1906, als der Künstler in der
großen Kunstwelt mit Ausnahme eines engeren Kreises in Paris,
noch ein homo novus war, die erste umfangreiche Publikation
widmete. Dieser ersten großen Würdigung, der später noch
weitere in der „Deutschen Kunst und Dekoration", sowie auch
in anderen deutschen Kunstzettschriften folgten, verdankt der
schweizer Künstler seinen heutigen Weltruf und seinen geradezu
unerreicht hohen Erfolg im Absatz seiner Werke, ganz
besonders in Deutschland. Es ist tief bedauerlich, daß dieses
Land, das seine zweite Heimat wurde, als Dank eine so schamlose
Beleidigung erntete, indem der Künstler seinen Namen unter einen
lügnerischen Protest setzte, der die Deutschen als „Barbaren" (!)
bezeichnet. Seine Ku n s t trennen wir aber von der Person, a. k.

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