Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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NEUE HOFFNUNGEN
DEUTSCHER KULTUR UND KUNST.

VON MAX OSBORN.

neuer Tag deutschen Lebens ist angebrochen! Was uns schon wie ein fernes

Märchen aus heroischen Zeiten klang, ist mit einem Schlage wieder Wirklichkeit
und Gegenwart geworden: ein Dasein der Tat, des Heldentums und der Entschlossen-
heit, in dem jeder einzelne nicht weniger als seine Existenz für die Volksgemeinschaft
einseht; da jeder nur das Ziel kennt, sich männlich zu bewähren, und sich jedem
Nachbarn in solcher Gesinnung brüderlich verbunden weife; da alle Konventionen
abfallen, die unser Dasein sonst fast allmächtig beherrschen, und nur das gilt, was
an tiefsten und edelsten menschlichen Werten in uns steckt. Wieder erkennen wir daß
Lebenssinn und Völkerschicksal legten Endes von den großen und einfachen
Linien bestimmt werden, die das Wesen moralischer Kraft, ethischer Rein-
heit und physischer Gesundheit umschreiben, daß hier die stärksten Wurzeln
gesteigerten Menschentums ruhen.

Gegenüber dieser Wahrheit sinkt alles andere zurück. Wie klein erscheinen
uns jefct die reizvollen Komplizierungen und Verästelungen der Spekulation und der
ästhetischen „Nuance", ohne die wir sonst nicht leben zu können vermeinten! Wie
hat sich unsere ganze Gefühlswelt von Grund aus umgestaltet! Ein eiserner Rhythmus
hat den gemächlichen Takt unseres bürgerlichen Alltags abgelöst. Doch es handelt
sich nun nicht darum, diese Empfindungen und Erkenntnisse leichten Herzens und
oberflächlich nur um ihrer glänzenden und überraschenden Erscheinung willen hin-
zunehmen, sich an ihnen als an einer „neuen Sensation" zu berauschen, sondern
darum: sie zu vertiefen und mit allen den Elementen zu verknüpfen, die wir in den
Zeiten betriebsamen Friedens und träumender Ruhe als Grundpfeiler unseres Erden-
wallens ansehen durften. Eine Haltung, die das versäumen würde, müßte zu Ergeb-
nissen führen, die der Größe dieser Zeit nicht würdig wären, zur Selbstüberhebung,
Ruhmredigkeit und Phrase, zu einer äußerlichen Drapierung gewaltiger Dinge, deren
Ewigkeitsbedeutung dadurch verkannt und ungenußt bliebe. Nein, es gilt vielmehr:
jene Erkenntnisse für den gesamten Umkreis unseres Lebens fruchtbar zu
machen, alles, was uns rings im weiten Gewoge unseres Denkens und Trachtens
sinnvoll erscheint, mit ihren Säften zu durchtränken!

Prüfen wir von solchem Standpunkt aus den ungeheuren Umschwung, der in
dieser weltgeschichtlichen Epoche mit uns vorgeht, so kommen wir zu dem Resultat,
daß es im Grunde doch nur scheinbar ein Wandel ist, dessen Zeugen wir sind.
Tatsächlich ist alles, was geschah und geschieht - so neu und, in seiner beglückenden
Schönheit, so fremd es uns anmuten mag - doch nur das Schlußergebnis der
riesenhaften Friedensarbeit, die hinter uns liegt. Gewiß: ein Ergebnis, über-
wältigender und großartiger, als wir es jemals erwartet hätten; das aber doch unmöglich
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