Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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DEUTSCHE KLEIDER UND DEUTSCHE
ZUTATEN. „Alle gutgemeinten Agitatio-
nen und Anregungen haben das nicht zuwege ge-
bracht, was jetzt unter dem Druck der Not-
wendigkeit unausbleiblich eintreten wird.
Das deutsche Volk hat sich auf seinen Stolz
und seine Sonderart besonnen, und alle Fremd-
tümelei mit Entrüstung ausgemerzt! So ist
freie Bahn geschaffen, und unsere Kleiderkünst-
ler sind dabei, neue, deutsche Modelle zu
schaffen. Ein nationales, ein volkswirtschaft-
liches Ereignis von höchster Wichtigkeit! —
Man hat immer gesagt, es fehlen dem deutschen
Modeschöpfer die künstlerischen Zutaten, die
in Paris überreich vorhanden sind. Das war schon
bisher nicht richtig. Diese Zutaten, Spitzen,
Stickereien, Passementerien, stammten
zum großen Teil aus Deutschland. Unsere
Schneider werden genug davon vorfinden,
wenn sie nur wissen, den rechten Gebrauch
davon zu machen! — Alle, die ihr mit der Kon-
fektion irgend eine Verbindung habt, gebt das
Beste, was ihr an Mustern, Anregungen
und Ideen habt, her! Ohne reiches Material
kann niemand gute Modelle schaffen. Er muß
aus dem Überfluß schöpfen können.
Wer auf den „Wink aus Paris" angewiesen war,
der wird sich jetzt freilich etwas verlassen vor-
kommen. Aber das ist doch gleichzeitig eine
große Befreiung. Wir können bringen, was
uns gefällt, und was unserer deutschen
Art, unserer Kunst, unserer Industrie
liegt. Indes: strengste Selbstkritik muß unbe-
dingt walten. Gute Kleiderkunst muß es
sein, was wir schaffen. ... a. jaumann.



Verschiedenen Zuschriften an die „Frank-
furter Zeitung" entnehmen wir noch einige
markante Sätze, welche die allgemeine Stellung-
nahme zur Modefrage gut beleuchten:

„Wir können eine deutsche Mode haben,
wenn wir nur wollen : Wir haben uns doch in
der Architektur, in der Möbel- und Raumkunst
eine erste Stellung erworben, sind denn Kleider
und Hüte etwas so Außerordentliches, daß wir
hier nicht auch mitreden können? Wir haben
Künstler und Künstlerinnen, die sich gewiß nicht
zu erhaben dafür halten, mitzuarbeiten, und wir
haben geübte Fachleute, die bis jetzt leider sich
damit begnügten, nachzuahmen, was ihnen Paris
vorschrieb, oder im allerhöchsten Fall so viel
daran zu ändern, um es etwas unserem Ge-
schmack und unseren Gewohnheiten anzu-
passen. Wenn nun diese Kräfte alle zu-
sammenarbeiten, dann sollte sich wohl etwas
erreichen lassen"! ... x.

„Im Kreise der Künstler und Kunstgewerbler
steht seit Jahren dieses Problem zur Dis-
kussion. Man traut sich Geschmack, Geschick
und Phantasie zu, um neben der Pariser Mode
selbständig auftreten zu können. Alle diese
Bestrebungen sind bis jetzt aber nicht über den
Rahmen von theoretischen Erwägungen hinaus-
gekommen, weil die deutschen Frauen, die in
der Lage waren, Modelle zu bezahlen, gewohn-
heitsmäßig an den französischen Toiletten fest-
hielten und keine Lust zeigten, sich auf Neue-
rungen und Wagnisse einzulassen. Die Folge
war, daß die deutschen Modehäuser diesen Be-
strebungen aus der Künstlerschaft heraus bisher
keine oder doch nur geringe Beachtung schen-
ken konnten." Der Erfolg des Vorstoßes der
„Wiener Werkstätte" beweist indeß „daß wir
uns nicht leichtfertig, aber doch getrost an das
in den 70 er Jahren noch mißlungene Wagnis
einer deutschen Mode herantrauen dürfen und
daß uns auch hier die Österreicher wertvolle
Bundesgenossen sein werden". ... p. w.

»

„Es ist eine irrige Ansicht, wenn ange-
nommenwird, daß die Geschäftsleute allein
an dem Verkaufe fremder Moden die Schuld
haben. Der Geschäftsmann bringt das, was
vom Publikum verlangt wird, und das deutsche
Publikum, besonders das vermögende, hat
französische Ware in der Modebranche nicht
nur verlangt, sondern der deutschen vorgezogen!
Auch sind viele reiche deutsche Frauen all-
jährlich einige Male nachParis gefahren, um dort
das Geld ihrer Männer für französische Kleider
und Hüte auszugeben. . . . Alle deutsche
Frauen müssen nun mithelfen, eine deutsche
Mode nicht nur zu gründen, sondern auch
aufrecht zu erhalten. Ihr Entschluß, deut-
sche Erzeugnisse den französischen vorzuziehen,
darf kein Flackerfeuer sein, vom Moment der
Empörung geboren, um dann langsam wieder
hinzusterben — nein, der Entschluß darf sich
durch nichts beirren lassen". ... e.
»

„Wenn wir mit der Zeit die Fabriken im
Lande haben, die erstklassige Waren herstellen,
die geschulten Handarbeiterinnen, die diese
Waren verarbeiten, den Geschmack der
Künstler und Künstlerinnen, die uns die
schönsten Modelle entwerfen, und was die
Hauptsache ist: den guten Willen der ver-
mögenden Klasse, die, was sie dann im
eigenen Lande ebenso gut oder noch besser
haben kann, dem Fremdländischen vorzieht,
was soll uns dann noch veranlassen, jährlich
Millionen und Abermillionen nach dem Aus-
lande zu schicken ?" . . . k. m.
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