Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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ENTW: KARL JOH. MOSSNER—BERLIN. HERRENZIMMER. AUSF. DER MÖBEL: ANTON POSSENBACHER—MÜNCHEN-BERLIN.

GEH. BAURAT OTTO WAGNER-WIEN.

Gewiß ist der Name des Wiener Architekten
Otto Wagner auch im Reiche bei allen
bekannt und geehrt, die die Entwicklung der
Architektur beachten. Und dennoch wird man
in Deutschland dem Werte und der Bedeutung
dieser Persönlichkeit selten gerecht. Denn Otto
Wagner ist nicht kurzerhand mit einigen Lobes-
worten unter unsere tüchtigsten Architekten
unterzuordnen, ist nicht ein Glied mehr in der
Schar unserer Guten, sondern einer der stärk-
sten Anreger und Beweger, die die moderne
Baukunst überhaupt zu verzeichnen hat. Wagner
hat nicht nur „ein paar gute Sachen" gebaut,
sondern in seinen Projekten und seinen Kon-
kurrenzen eine grundlegende Arbeit geleistet,
von deren Klarheit und Unerschrockenheit
mancher gewinnt, ohne sich sonst weiter zu
Otto Wagner und seiner Schule zu bekennen.

Wo liegen die Gründe für die Unterschätzung
der eigentlichen Bedeutung Otto Wagners?
Äußere Gründe könnten mitsprechen. Wagner

hat bei uns im Reiche nichts gebaut, und er hat
keines von den Themen behandelt, die heute
einen Baukünstler am ehesten volkstümlich
machen: er hat weder eine Fabrik, noch eine
Gartenstadt ausgeführt. Olbrich, der Wagners
liebster und treuester Schüler war, hat durch
seine Tätigkeit in Deutschland und namentlich
in Darmstadt, einen Ruhm gewonnen, der für
Viele sicherlich den des Lehrers übertrifft. Und
der Ruhm, den etwa Peter Behrens genießt,
heftet sich offenbar besonders an die soziale
Zeitgemäßheit seiner Bauten. Solche Für-
sprecher fehlen dem Wirken Otto Wagners
durchaus, der ja sein Wertvollstes überhaupt
nicht hat ausführen können.

Sieht man näher zu, so sind jene „äußerlichen"
Gründe für das innere Gepräge des Wagner-
schen Schaffens schon bezeichnend genug. Im
Gegensatz zu den meisten unserer Architekten
ist Otto Wagner Aristokrat. Auch er wünscht
sich wohl nichts Besseres, als daß seine Bauten

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