Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

FEBRUAR 1915.

NEUE BERLINER BAUTEN. Es wird nicht an
Leuten gefehlt haben, die der Meinung ge-
wesen sind, der Krieg würde die Bautätigkeit in
den Großstädten völlig lahmlegen. Diese Ängst-
lichen haben sich geirrt. Es gäbe eine gewiß stolze
Überraschung, wollte man zusammenstellen, was
an bedeutenden Hochbauten in Deutschland fertig
gestellt wurde, während Millionen von Männern in
den Schlachten standen. Das Berliner Beispiel allein
würde genügen, um die Unberührbarkeit der deut-
schen Kraft, Friedenswerke mitten im Kriege zu
schaffen, nachzuweisen. Von drei stolzen Bauten
(anderer, vielleicht nicht minder berufener, nicht zu
gedenken) sei kurz berichtet.

Oskar Kaufmann hat das Haus für die
Volksbühnen fertig gestellt. Er schuf damit ein
charakteristisches Denkmal, das sich der gewaltigen
sozialen Leistung, die das Volk durch das Errichten
dieser Kunststätte sich selber bescherte, würdig
erweist. Die Architektur ist eine klar entwickelte
und gesteigerte Fortsetzung des Systems, das
Kaufmann bereits für einige frühere Theaterbauten
verwandte. Sie gewinnt durch ihre Plastizität und
den Schwung ihrer Rhythmen. Sie meidet das
Großsprecherische und müht sich, selbst einem Raum
für 2000 Personen noch Zurückhaltung und Anmut
zu geben. An diesem Innenraum bewährt sich
Kaufmann abermals als ein gewandter Meister des
Holzes; von unten bis oben leuchten die Wandungen
in Mahagoni. Die Zuschauer werden zur festlichen
Stimmung erhoben. Dem Programm der Volks-
bühnen gehorsam, hat der Architekt dafür gesorgt,
daß von allen Plätyen, einige Stellen im dritten
Rang ausgenommen, eine gute Sicht über die Bühne
möglich ist. Daß er von dem Prinzip des Rang-
theaters, dessen Herkunft höfisch ist, nicht abwich,
dürfte wohl durch die leider gebotene Notwendig-
keit eines möglichst sparsamen Bauplanes bedingt
worden sein. Das Amphitheater, das der idealen
Seele solch eines Volkstheaters gerechter sein
würde, erforderte eine größere Grundfläche, als
dem Zuschauerraum bei den großen Bedürfnissen
eines modernen Theaters an Bühnenhaus, Garde-
roben, Treppenhäusern, Umgängen und Kassenhalle
um des lästigen Kapitalzinses willen gewährt wer-
den kann. Immerhin, es ist Kaufmann gelungen,
auch in das Rangtheater demokratischen Geist ein-
zubauen: die Umgänge und Garderoben sind für
alle drei Ränge mit gleicher Sorgfalt ausgestattet
worden; das Gestühl ist für das ganze Theater
einheitlich. Solchem sachlichen Ernst gesellte Kauf-
mann durch die Figuren Franz Meßners einen
gepflegten und heiteren Reichtum.

Das zweite Haus, das zu rühmen ist, baute
Paul Mebes für die Versicherungsgesellschaft
„Nordstern". Ein weltstädtisches Bürohaus. Der
Gesamteindruck erinnert an das Kolosseum. Mit
Abstand natürlich. Aber auch mit Anstand. Mebes,
der als ein Beherrscher des Backsteines und als
ein sozialer Organisator des Mietshauses uns seit
langem bestens bekannt ist, hat sich diesmal als
ein gefühlvoller Künstler am Werkstein und an
größeren und komplizierten Raumbildungen bewährt.

Das dritte Haus, das hier genannt werden soll,
errichtete Bruno Schaudt, der Kaiser-Wilhelm-
Gedächtniskirche gegenüber. Es mag nicht leicht
gewesen sein, gegen das pseudo-romanische Stein-
gebirge des Schwechtenbaues wirksam zu bleiben.
Schaudt verwandte ein System von dicht neben-
einandergestellten Bögen, die bis in das zweite
Geschoß hinaufstoßen. Vom Zweck des Hauses
aus betrachtet, kommt so freilich etwas Übergroßes
in die Verhältnisse des Gebäudes; indessen es ist
der Versuch Schaudts interessant und überdies be-
gründet in dem Wesen dieses Baumeisters, der
die parallelen Pfeiler, die Messel für das Ber-
liner Geschäftshaus heiligte, von jeher durch andere
Möglichkeiten zu ersehen suchte. Auch bei diesem
neuen Hause Schaudts wird der konstruktiv ge-
gebene Vertikalismus durch starke Gesimsführung,
besonders durch die starke Ausrundung der Stirn-
seite horizontal gebrochen. r. br.

£

KÖLN. Kölnischer Kunstverein. Von
Heinrich Nauen sind neue Landschaften aus-
gestellt, die den Stil Nauens in sich gefestigter, ein-
heitlicher geschlossen erscheinen lassen, als dies bei
seinen früheren Arbeiten der Fall war. Diese Land-
schaften sind straff und stark gegliedert, aufge-
baut an Hand eines die Einheit der Wirkung
sichernden Gerüstes, in der Farbe kraftvoll und
zugleich abgestuft bis zu den feinsten verschwim-
menden Tönen, in den Formen maßvoll beherrscht
durch die milde Ruhe der großen, klaren, geschlos-
senen Flächen. Neben diesen scheinbar einfachen
Landschaften, die, man darf das Wort in seinem
alten, klassischen Sinne hier einmal wieder ge-
brauchen, in ihrer Gesamterscheinung „sdiön" an-
muten, wurden verschiedene der bekannteren Still-
leben ausgestellt, die sowohl die äußerste Emp-
fänglichkeit Nauens für Farbeneindrücke wie seine
großzügige Kunst der Stilisierung erkennen lassen.
Sie alle unterscheiden sich von dem, was die neueste
Kunst sonst zu bringen pflegt dadurch wesentlich,
daß man bei jeder Form den unmittelbaren Eindruck
der vollständigen Beherrschung der der künstle-

1916. VI. 8.

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