Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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UNZEITGEMÄSSE NOTWENDIGKEITEN.

Es ist eine überaus auffällige Erscheinung,
daß in den ersten Wochen des Krieges eine
der allgemeinen Stimmung so fernliegende Sache
wie die „Frauenmode" vielfach und öffent-
lich diskutiert wurde. Die Gründe hierfür waren
zunächst rein wirtschaftlicher Art, hinzu trat
die starke Bewegung, fremde Einflüsse auf allen
Gebieten zu bekämpfen und zu beseitigen.

Paris diktierte seit Jahrhunderten den zivi-
lisierten Ländern „die Mode". In Paris ent-
standen die Modelle für die Konfektion, dort
wurde über Farben, über Art und Behandlung
der Materialien entschieden, dort allein wurden
alle jene Gesetze der Mode erlassen, die auf
unbedingten Gehorsam rechnen durften.

Trotzdem nun das Entstehen der Kleider-
formen unabänderlich an Paris gefesselt blieb,
war es der deutschen Modeindustrie seit langen
Jahren gelungen, einen großen Teil der Verviel-
fältigung für den großen Markt an sich zu reißen.
Tausende von großen und kleinen Betrieben
in den verschiedensten Gegenden Deutschlands
stellten her, was dann bei uns, in England, in
Amerika, ja in Frankreich selbst an Stoffen,
Kleidern, Hüten, Bändern, künstlichen Blumen
und dergl. getragen wurde. Vieles davon, das
meiste, verleugnete den Ort seines Entstehens,
ging als französisches Erzeugnis in alle Welt,
kam als solches sogar nach Deutschland zurück.
Entrüstete und bewegliche Klagen über „Aus-
länderei" waren dann häufig zu hören; bis zu
einem gewissen Grade mit Unrecht. Wir wissen,
daß wir technisch den Franzosen wohl auch in
diesen Dingen gleich stehen, kaufmännisch und
organisatorisch ihnen überlegen sind. Aber,
seien wir aufrichtig! Man war zu sehr geneigt
zu übersehen, daß die Form, der Geist, der
Inhalt an jenen graziösen Dingen pariserisch
waren, daß wir an dem Wichtigsten der Mode-
produktion, an der künstlerischen Schöpfung,
keinerlei Anteil hatten. Diese Moden erblühten
zwanglos und leicht, aus der Tradition von
Jahrhunderten und in einem Milieu von Luxus,
Verschwendung und Sorglosigkeit: im eleganten
internationalen Paris. Da nun jedermann dem
Originale mehr Vertrauen entgegenbringt als
der Kopie, so lag es nahe, daß die deutschen
Kopien sich den Anschein zu geben versuchten,
französische Originale zu sein.

Und nun hat Paris seine Produktion der
Modelle einstellen müssen. Jenes Zusammen-
arbeiten von Schneidern, Schneiderinnen und
Fabrikanten mit eleganten Frauen, deren Lebens-

inhalt es ist, „sich gut anzuziehen" jener
immerwährende Wettkampf weiblichen Raffine-
ments in den Theatern, zu den Tees und auf
den Rennen, hat aufgehört. Der ganze kom-
plizierte und kostspielige Apparat stockt.
Was ist die Folge?

Die Modelle und Weisungen für die Winter-
produktion in Deutschland bleiben aus und die
Betriebe drohen still zu stehen.

Da nun die Mode-Industrie, in deren Betrieben
hunderttausende von Arbeiterinnen, Arbeitern
und Angestellten ihren Lebensunterhalt ver-
dienen , einen wichtigen Teil des deutschen
Wirtschaftslebens darstellt, so ist es selbstver-
ständlich, daß der Versuch gemacht wird, einem
drohenden Notstande zu begegnen.

Die Fabrikanten und Konfektionäre treten
zusammen. Man will die Produktion vom Aus-
lande unabhängig machen. Woher aber Ersatz
nehmen für die fehlenden Ideen, die bisher in
Form von Modellen und Mustern fix und fertig
vom Auslande bezogen wurden? Wo ist eine
neue Autorität, der man blindlings und willen-
los wie bisher folgen darf? „Die Künstler"
werden aufgerufen. Sie sollen Deutschland
eine neue, eigene Mode geben, unabhängig
von Paris. Die Industrie ist bereit zu folgen!
Nun, abgesehen davon, daß Malen-, Zeichnen-
oder Modellierenkönnen noch nicht die Fähig-
keit einschließt, mit Geschmack und welt-
männischem Takt Kleider zu erfinden, ist der
heutige Zeitpunkt für eine Modeentwickelung
völlig unfruchtbar. Selbst wenn wir imstande
wären, von heute auf morgen jenes komplizierte
Zusammenarbeiten von Formschöpfung mit
Fabrikation und Absatz in Gang zu bringen,
der rasche Erfolg in der Öffentlichkeit müßte aus-
bleiben. Denn „die Mode" in ihrem wechseln-
dem Spiel ist ein Luxus, der nur aus dem Über-
fluß reicher Friedensjahre erblüht und dessen
wichtigste Vorbedingungen, das Sichzeigen und
das Gesehenwerden, heute fehlen.

Im gegenwärtigen Zeitabschnitt, der den ge-
waltigen Geschehnissen, die wir erleben, allein
gehört, haben diese Dinge vor der Öffentlich-
keit keinen Platz,

Und nach dem Kriege?

Paris wird wieder aufleben, wird wieder an-
fangen zu arbeiten. Die Frauen in Neu-York
wie in Rom, in Buenos-Ayres wie in Bukarest
werden ihren alten Neigungen nicht untreu
werden und — unsere auf dem Export aufge-
baute Modeindustrie wird folgen müssen. Un-

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