Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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Die neuen Inhalte.

angetroffen. Die pittoresken Verneinungen be-
ginnen den gefährlichen Reiz zu verlieren, den
sie seit etwa hundert Jahren, seit unserer letzten
klassischen Geistesepoche, auf die Seelen, und
gerade auf die kühnsten und tüchtigsten, aus-
geübt haben. Es bereitet sich in unserem ganzen
Geistesleben eine gewisse klassische Stimmung
vor. Und nicht unähnlich jenem großen Höllen-
wanderer sehen wir nun, nach jahrzehntelanger
Durchquerung einer Region von Finsternis, Ro-
mantik und Verneinung, auf der Gegenseite
wieder die hellen klassischen Sterne des Him-
mels über uns glänzen.

Man darf hier wohl daran erinnern, mit
welcher Inbrunst erst kürzlich gerade von den
Künstlern das Über-Individuelle und Ideale
erlebt worden ist, in der Gestalt des Vater-
landes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses ist
nicht zu unterschätzen. Für wieviele unter den
jüngeren Künstlern mag dies das erste Mal ge-
wesen sein, daß sie in sich die Bejahung einer
großen Positivität und Gesetzlichkeit erfuhren!
Aber auf dem Wege, den dieses Ereignis
vorzeichnet, wird die Kunst weiterschreiten

müssen, wenn sie endlich über die Reize grüb-
lerischer Gesetzesfremdheit und über die Ohn-
macht der rätsellosen Plattheit hinaus zur
Kraft der großen Bejahung gelangen soll. w.u.
£

Ein Darwin wiegt einen Shakespeare, der Geist
des Beobachtens den Geist des Schaffens nicht
auf. Audi die durch Shakespeare ins Leben geru-
fene Welt hat ihre Geseke; auch sie beruht auf

dem Tatsächlichen............. Langbchn.

Ä

Das Schöne ist ein Lirphänomen, das zwar nie
selber zur Erscheinung kommt, dessen Abglanz
aber in tausend verschiedenen Äußerungen des
schaffenden Geistes sichtbar wird und so mannig-
faltig ist als die Natur selber. — Goethe — Eckermann.
Ä

Der Begriff des Monumentalen ist dem des Deko-
rativen so entgegengesetjt, wie der Begriff »Stil«
dem Begriff »Geschmack«, wie der Begriff »Ausdruck«
dem Begriff »Maskierung«. Wenn Stil die Mani-
festation dessen ist, was einer innerlich ist, des
Charakters, so dient die Maske dazu, kundzugeben
als was einer erscheinen möchte, die Rolle. Stil ist
das Vermögen wahr zu sein — Geschmack ist das
Geschick gefällig zu sein. . . . Albin Egger—Lienz.

MAX BURI. »SELBSTBILDNIS« BESITZER: W. GEIGER-LUZERN.
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