Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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RICHARD LANGER—STEGLITZ. »DIE FLIEHENDEN« ZEICHNUNG.

ERZIEHUNG ZUM KUNSTGEWERBLER.

VON DR. G. E. LÜTHGEN.

T Tberblickt man das Ergebnis kunstgewerb-
liehen Unterrichts, das in den Schülerar-
beiten sichtbar wird, so fällt eines fast allgemein
auf: das Ziel ist zu hoch gesteckt, im Geistigen,
im Künstlerischen. Es werden zu viele Dinge
geschaffen, die über das Kunstgewerbe hinaus
auf die hohe Kunst drängen.

Es verlohnt sich, auf die Gründe und Ur-
sachen näher einzugehen. Soll ein bestimmter
Zweck der Erziehung erreicht werden, so darf
er nicht im Widerspruch stehen zu der Begabung
des zu Erziehenden. Dagegen wird aber an
Kunstgewerbeschulen oft verstoßen. Abgesehen
von einigen künstlerisch hochstehenden Anstal-
ten haben die Kunstgewerbeschulen zumeist
Schüler, die zur Kunst kein notwendiges inneres
Verhältnis haben. Man wird nicht fehl gehen
in der Annahme, daß die meisten Schüler ei-
gentlich nur das Streben haben, die Fähigkeit
zu erwerben, geschmackvolle Dinge zu schaffen,
die einen Verkaufswert haben.

Dieses Ziel steckt durchaus im Kunstgewerb-
lichen. Die Kunstgewerbeschule kann daher
im allgemeinen nur die Aufgabe haben, kunst-
gewerbliche Fähigkeiten auszubilden.

Seit Jahren glaubt man, man könne ein nahes
Ziel mit Sicherheit erreichen, wenn man ein

ferneres anstrebe. Das Ergebnis ist, daß man
keines von beiden erreicht. Man schult Auge
und Geschmackssinn des Schülers dadurch, daß
man ihn mitten in die Kunst hineinstellt: er
soll zunächst malen lernen, Landschaften, so,
wie er sie sieht, wie sie ihm scheinen, auch soll
er das natürliche Landschaftsbild in eine be-
stimmte Gesetzmäßigkeit der Formen zubringen
vermögen; er soll den menschlichen Körper
darstellen auf der Fläche, in Ton oder Metall;
und von dem natürlichen Reichtum soll er ab-
sehen lernen und nur das der Technik und dem
Zweck Wesentliche darstellen. Um das Gefühl
zu erringen, was im Kunstgewerbe Stil sei, was
durch bestimmte Formen eines bestimmten
Stoffes darstellbar sei, wird der Schüler un-
mittelbar vor die schwersten Fragen der Kunst
gestellt: vor die künstlerische Wiedergabe
des Wirklichen. — Dadurch wird ein Doppeltes
erreicht. Der Maßstab, mit dem Werke der
Kunst gemessen zu werden pflegen, wird klein-
lich verzerrt. Denn was in diesen vorbereiten-
den Klassen an Landschaften gemalt und ge-
zeichnet, an Bildnissen oder Körpern geschnitzt
und gemodelt wird, tritt mit einem gewissen
Anspruch des künstlerischen auf, wenngleich
es in Wirklichkeit in nichts über das hinaus-

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