Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 35.1914-1915

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KRIEG, KULTUR UND KUNST.

VON DR. WALTER GEORGE—BERLIN.

Jede kulturelle Entwicklung nimmt den gleichen
Weg vom aufdämmernden neuen Gedanken
bis zur umwälzenden Tat. Unbewußtes und
Bewußtes gehen Hand in Hand, indem dieses
jenes ablöst, sobald sich die Richtung geklärt
hat, in der die Kräfte wirken sollen. Das un-
bewußte Erfassen von Entwicklungs - Möglich-
keiten macht dem bewußten Streben auf Er-
richten und Erhalten der Existenzbedingungen
Platz, es wächst zu kulturellem Wert und
Werk empor. Als oberstes Gesetz aber gilt dabei
allenthalben die eherne Wahrheit, daß der erste
Anstoß zu neuschaffenden Kräften niemals von
einem äußeren absichtlichen Wollen abhängt,
sondern daß diese stets aus einer inneren
Notwendigkeit heraus getrieben werden.
Soll der Bau einer Kultur über alle Wechselfälle
der Zeit hinaus bestehen, so müssen sich ihre
Baumeister diesem Gebot auch gebeugt haben.
— Vor allem ist es die Kunst, die den auf-

keimenden Funken neuer Ideen in ihren ersten
Anfängen aufspürt, und dafür Sorge trägt, daß
er zur Flamme werde, in der die Kultur ihr
Eisen schmieden kann. Darin liegt die Pionier-
arbeit des Künstlers, das Unbewußte aufzu-
greifen und ihm im künstlerischen Schaffen die
bewußte Prägung zu geben, die der Allgemein-
heit als Münze zu dienen vermag und in ihrer
Gesamtheit gewissermaßen das geistige Kapital
innerhalb des Nationalvermögens darstellt.

Dies ist in kurzen Zügen die Entwicklung
vom Geistigen zur Daseinsform, die jede Kultur
durchzumachen gezwungen ist. Dieser Werde-
gang wird selbst dann nicht andere Wege ein-
schlagen, wenn schwere äußere Ereignisse wie
ein Krieg ein Volk erschüttern, wenn mit einem
Schlage die gesamte kulturelle Vergangenheit
ausgelöscht und der Gegenwart das altherge-
brachte Denken genommen zu sein scheint.
Mit einem Ruck steht hier das Ganze still, bis

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