Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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Das Kunstvermögen der griechisch-
römischen Epoche.

I. Die Seltenheit von Darstellungen ans dem nationalen Mythos.

Die Ausführung der grössten Masse der Wandgemälde in
den vom Vesuv verschütteten Städten Campaniens fällt in einen
verhältnissmässig kurzen Zeitraum. Da das Erdbeben, welches
im Jahre 63 n. Chr. Statt fand, wenigstens in Pompei grossen
Schaden angerichtet hatte und, wie der Thatbestand der Aus-
grabungen zeigt, viele Häuser, als die Katastrophe des Jahres 79
eintrat, noch nicht vollständig hergestellt waren, so wird die Zahl
der Gemälde, deren Ausführung vor das Jahr 63 fällt, eine ver-
hältnissmässig geringe sein. Also bilden diese Wandgemälde
eine chronologisch im Wesentlichen begrenzte Denkmälergattung
und, da mit ihrer Fülle verglichen der Vorrath der anderweitig
gefundenen Fresken aus römischer Epoche sehr unbedeutend ist,
unsere Hauptquelle für die Kenntniss der Malerei des ersten Jahr-
hunderts der Kaiserzeit.

Um den richtigen Standpunkt zur Beurtheilung dieser Denk-
mälergattung zu gewinnen, müssen wir uns zunächst den Cha-
rakter der Kunst der Epoche, in welche ihre Ausführung fällt, im
Crossen und Ganzen vergegenwärtigen.

Da die gleichzeitige Sculptur durch ein reicheres Material ver-
treten und bisher von der Forschung in eingehenderer Weise be-
rücksichtigt worden ist, als die Malerei, so beginne ich mit einer
kurzen Betrachtung der wesentlichsten Erscheinungen auf dem
Gebiete der Sculptur. Bei den engen Beziehungen, wie sie in
derselben Epoche zwischen den beiden Künsten obzuwalten pfle-
gen, wird es verstattet sein, mit der nöthigen Vorsicht von dem
Charakter der einen auf den der andern zu schliessen. Allerdings
sind trotz des reichen Materials und der vielseitigen Untersuchung
desselben die Ansichten über die Leistungsfähigkeit der dama-
ligen Plastik sehr verschieden. Die Einen, an deren Spitze

Heibig, Untersuchungen ü. d. campan. Wandmalerei.

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