Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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220 Der Hellenismus und die campanische Wandmalerei.

hinzuweisen, sei es auch nur durch ein S37mbol, wie etwa die die
Zwillinge säugende Wölfin, welche zu Füssen der Europa bei-
gefügt werden konnte. Wenn die Composition von einem Künstler
erfunden wurde, der zur Zeit der römischen Weltherrschaft und
für ein römisches Publicum arbeitete, dann hat dieses Abstrahiren
von einer Idee, welche den ganzen damaligen Zeitgeist durch-
drang, gewiss etwas sehr Befremdendes. Das Gleiche gilt von
der Charakteristik der Asia. Die realen Verhältnisse, wie sie
das von den Römern unterworfene Asien darbot, hätten natur-
gemässer Weise zu einer ganz anderen Personifikation führen
müssen, als zu dem schlanken, kräftigen Mädchentypus mit den
Exuvien des Elephanten auf dem Haupte, welcher auf diesem
Bilde die Asia darstellt. Ungleich näher lag eine solche Auf-
fassung zu einer Zeit, in welcher Asien eine hervorragendere
Stellung in der Geschichte einnahm, in welcher die Heere der
Seleukiden mit Tausenden von Elephanten in das Feld zogen.
Also spricht auch bei Betrachtung des Inhalts dieses Bildes die
grössere Wahrscheinlichkeit für die Annahme, dass dasselbe nicht
im Bereiche und unter dem Eindrucke der römischen Weltherr-
schaft , sondern in dem Kreise des hellenistischen Staatensystems
erfunden wurde.

XX. Die Auffassung' der Mythen.

Wir unterschieden im neunten Abschnitt innerhalb der Wand-
bilder mythologischen Inhalts vornehmlich zwei Richtungen: die
eine, welche sich wegen des Pathos und der Bewegtheit der Hand-
lung der dramatischen Poesie vergleichen Hess, die andere, welche
die mythologischen Gestalten in genreartigen Situationen auffasst
und vielfach eine verwandte Stimmung hervorruft, wie die idyl-
lische Dichtung.

Dass die erstere Gruppe sich organisch in die Kunstent-
wickelung der Diadochenperiode einreihen lässt, bedarf keiner
ausführlichen Auseinandersetzung. Bereits die unmittelbar an
die Alexanderepoche anknüpfende Malerei weist bedeutende
Schöpfungen dieser Art auf. Antiphilos malte den Tod des Hip-
polytos, Theon den Muttermord des Orestes. Weiterhin begegnen
wir der Aerope des Ophelion, dem Kapaneus, dem Eteokles und
der Klytaimnestra des Tauriskos, der Medeia und dem Aias des
Timomachos. Das häufige Vorkommen pathetischer und patho-
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