Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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Die campanische Wandmalerei.

Seiten künstlerischer Thätigkeit verschiedenen Individuen zuzu-
schreiben sind. Bei den Gemälden der zweiten Hauptgruppe da-
gegen tritt kein derartiger Unterschied hervor; vielmehr steht in
der Regel der Kunstwerth der Erfindung wie der der Ausführung
auf derselben Stufe.

VII. Die realistische Richtung.

Aus Gründen, die sich im Laufe der Untersuchung rechtfer-
tigen werden, wende ich mich zunächst zur näheren Betrachtung
der Bilder der zweiten Hauptgruppe. Die besten Leistungen auf
diesem Gebiete scheinen, soweit man nach den Abbildungen
schliessen darf, die gegenwärtig zerstörten Gladiatorenkämpfe und
Tkierhetzen gewesen zu sein, welche am Podium des pompeiani-
schen Amphitheaters gemalt waren l). Wenn auch nur decorativer
Art, gehörten sie immerhin der öffentlichen Kunst der cam-
panischen Landstädte an, Die erhaltenen Bilder stammen durch-
weg aus privaten Räumen. Hinsichtlich der Güte der Durch-
führung verdienen an erster Stelle genanut zu werden die Gemälde,
welche die verschiedenen Thätigkeiten der Fullones schildern2),
und das Bild mit dem Bäckerladen;!). Trotz der banausischen
Prosa, welche diese Darstellungen bedingt, lässt sich ihnen das
Verdienst einer lebendigen, der Natur entsprechenden Charak-
teristik nicht absprechen. Roher sind die spielenden Strassen-
jungen auf einem Bilde aus Casa de Lucrezio behandelt4). Noch
tiefer steheri die Malereien aus dem sogenannten Lupanar5),
welche, abgesehen von einem gewissen Geschick in der Wieder-
gabe der Gesichter, einen vollständigen Mangel der Elementar-
kenntnisse der Zeichnung verrathen. Auch die dieser Richtung
angehörigen obseönen Bilder, von denen eine reiche Serie in dem
pompeianischen Bordell erhalten ist, sind von kaum mittelmässiger
Ausführung6). Die Gemälde endlich, welche Scenen auf dem
Forum schildern, sind kurz gesagt Schmierereien, welche bei
glücklichen Griffen in dem Ausdrucke einzelner Motive nicht ein-
mal die Handlung aller Figuren deutlich erkennen lassen.

Offenbar geben alle diese Bilder Erscheinungen aus der

1) N. 1514, 1515, 1519. 2) N. 1502. 3) N. 1501. 4) N. 1477.
5) N. 1504 ff. 6) N. 1506.
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