Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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II. Die ideale Sculptur.

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gedrückten Figuren begegnen, zeugen die Compositionen, deren
Erfindung im Wesentlichen der Kaiserzeit zugeschrieben werden
muss, von einem sehr geringen Grade künstlerischer Befähigung.
Um hier nur die besonders auffälligen Fehlgriffe hervorzuheben,
so wirkt auf dem Streifen, welcher Khea Silvia mit den Zwillingen
an der Brust darstellt, der schablonenhafte Parallelismus in der
Anlage der Gestalten der beiden Kundschafter sehr unvortheil-
haft und machen auf dem untersten Streifen die beiden Hirten,
die zur Seite der die Zwillinge säugenden Wölfin gruppirt sind
und von denen jeder durch dieselbe Geberde seine Verwunderung
äussert, einen Eindruck, der an das Komische streift.

Das erfreulichste Denkmal aus dem römischen Mythos, welches
aus unserer Epoche erhalten ist, würde die im Vatican befindliche
Sau mit ihren Ferkeln ') sein, vorausgesetzt, dass dieselbe nicht
als genrehaftes Thierstück, sondern, wie Visconti und Braun ver-
muthen, als Darstellung des berühmten Prodigium aufzufassen ist,
welches Aeneas am laurentischen Strande erblickte. Der plasti-
sche Typus der Sau, die ihr eigenthümliche Structur der Haut,
der stupide, mit einem gewissen Behagen gemischte Ausdruck
der Augen, das hastige Vordrängen der Ferkel nach dem Euter
— Alles dies ist mit staunenswerther Naturwahrheit wieder-
gegeben. Doch wird Niemand die paradoxe Behauptung auf-
stellen , dass diese Gruppe zu den Idealtypen zu rechnen sei.
Sollte daher die Vermuthung Viscontis richtig und die Gruppe in
der That als eine in der ersten Kaiserzeit entstandene Darstellung
der laurentischen Sau zu betrachten sein, so würde dies der An-
nahme , dass die Productivität der damaligen Kunst auf idealem
Gebiete gering war, keineswegs widersprechen. Wir haben es mit
einer ausschliesslich naturalistischen Leistung zu thun. Dass die
Kunst der Kaiserzeit in dieser Richtung noch Vortreffliches leistete,
längne ich nicht und werde ich ausführlicher in dem dritten Ab-
schnitte begründen.

II. Die ideale Sculptur.

Die jüngste bedeutende Schöpfung eines Götterideals, die mit
hinreichender Deutlichkeit in der Ueberlieferung hervortritt, ist
der Serapis des Bryaxis2), welcher auch für die Darstellung
des hellenischen Unterweltsgottes Pluton mustergültig wurde und

1) Visconti, Mus. Pio-Cl. VII 32 p. 155. Braun, Ruinen und
Museen p. 320.

2) Vgl. Brunn, Gesch. d. gr. Künstler I p. 384 ff.
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