Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

Page: 204
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204 Der Hellenismus und die c'ampänisctie Wandmalerei.

XVIIII. Das Interesse für die Wirklichkeit.

Die geistige Entwickelung der Griechen yerräth seit der
Alexanderepoche in dem weitesten Umfange das Streben, die
Dinge in ihrer Realität zu erfassen. Aristoteles, welcher auf dem
Gebiete der Forschung die hellenistische Entwickelung einleitet,
wie Alexander der Grosse auf politischem, fand die Objecte der
philosophischen Erkenntniss in der Erfahrungswelt, erkannte den
. Begriff in dem, was den Dingen bestimmte Form und damit Wirk-
lichkeit giebt, und schloss aus dem Einzelnen, in der Erfahrung-
Gegebenen auf das darin enthaltene Allgemeine. Es entsprach
dieser empirischen Eichtling, wenn er den ErfahrungsWissen-
schaften , namentlich der Geschichte und Naturgeschichte, das
eingehendste Studium widmete und einen unvergleichlichen Schatz
positiver Kenntnisse ansammelte. Die nächsten Generationen
arbeiteten auf den verschiedensten Gebieten in seinem Geiste
weiter.

Auch die bildende Kunst unterlag dem Einflüsse der neuen
Richtung. Sie fängt gegenwärtig an, eine Menge von Erschei-
nungen , welche bisher unberücksichtigt geblieben waren, in ihr
Bereich zu ziehen. Mit Vorliebe prägt sie Typen der verschie-
denen Standes- und Berufsclassen aus und giebt sie Charakter-
bilder von dem Treiben derselben '). Die Malerei der Landschaft
und die des Stilllebens werden zu selbstständigen Gattungen aus-
gebildet2). Der Kreis der pathologischen Erscheinungen, welche
zur Darstellung gebracht werden , erfährt im Vergleich mit der
früheren Epoche eine beträchtliche Erweiterung. Allerdings war
das pathetische Element schon von der zweiten attischen Schule
und namentlich von Skopas gepflegt worden. Doch wurde das-
selbe bisher, soweit unser Wissen reicht, stets von einer be-
stimmten poetischen Handlung getragen und dadurch innerlich
begründet. Jetzt dagegen begegnen wir Kunstwerken, welche die
Schilderung des Leidens zum hauptsächlichen oder alleinigen
Zweck machen und darauf verzichten, den Zusammenhang zu
verdeutlichen, durch welchen dasselbe hervorgerufen wird. Wäh-
rend wir angesichts der Niobcgruppe erkennen, warum Niobe
leidet, kann in der Einzelstatue des Silanion, welche die sterbende
Jokaste darstellte 3j, das Interesse nur auf der Schilderung eines

1) Vgl. oben Seite 18(1 If.

2) Vgl. hierüber den dreiundzwanzigsten und fünt'imdzwanzigsten
Abschnitt.

;s) Plutarch. de aud. poet. III :(U. quaest. conviv. V 1, 2.
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