Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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XU. Die Landschaft.

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wiederzugeben. hätten einige der Wirkungen, über welche die
moderne Kunst verfügt, recht wohl zum Mindesten angedeutet
werden können. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass wir mit
dieser Beobachtung eine Beschränkung der antiken Malerei und
einen Grundunterschied derselben gegenüber der modernen be-
rührt haben.

XII. Die Landschaft.

Das einzige bis jetzt bekannte Landschaftsbild, welches eine
grobrealistische Richtung vertritt und mit Sicherheit als in den
campanischen Städten erfunden betrachtet werden darf, ist das
Gemälde, welches das pompeianische Amphitheater und darin die
Prügelei zwischen Pompeiauern und Nueerinern darstellt *). Da
wir hierüber das Nöthige im siebenten Abschnitte bemerkt, so
brauchen wir gegenwärtig nicht mehr darauf zurückzukommen.

Versuchen wir die ganze sonstige Masse der erhaltenen Land-
schaftsbilder nach bestimmten Gattungen zu classificiren, so stellen
sich hierbei noch erheblichere Schwierigkeiten heraus als auf dem
Gebiete der mj-thologischen Compositionen. Während die Fresco-
technik bei den letzteren in der Piegel ausreicht, tun wenigstens
die wesentlichen Motive, auf denen der Gedanke beruht, zum
Ausdruck zu bringen, erfordert die Landschaft, falls die durch
dieselbe beabsichtigte Wirkung einigermaassen vollständig erzielt
werden soll, eine ungleich eingehendere Behandlung des Details,
wie sie die Wandmaler nur in beschränktem Grade zu erreichen
vermochten. Daher kommt es, dass der Gedanke auf. diesen
Bildern nicht immer zu vollständiger Klarheit entwickelt ist,
dass der Geist des Betrachters, um denselben zu erfassen , öfters
den Andeutungen der Frescomalerei ausführend und ergänzend
entgegenkommen muss. Eine weitere Schwierigkeit ergiebt sich,
wenn wir das Verhältniss dieser Bilder zu den muthmaasslichen
Originalen erwägen. Das einzige Landschaftsbild, welches sicher
in Pompei erfunden wurde, ist, wie gesagt, jenes Gemälde mit
dem Amphitheater. Dagegen ist die grosse Masse, wie wir bei
Betrachtung der einzelnen Gattungen sehen werden, unter dem Ein-
drucke von Vorbildern gestaltet, die den campanischen Wandmalern
aus bedeutenderen künstlerischen Mittelpunkten zugekommen
waren. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass die Improvisation

1) Giornale degli scavi (n. s.) I Tav. VIII. Vgl. oben Seite 73.
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