Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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Die campanische Wandmalerei.

eigerithumlicbe Uebereinstimmung zu sprechen, welche zwischen
der lateinischen Dichtung der augusteischen Epoche und den
Wandgemälden obwaltet. Dieselbe ist im Besonderen hinsichtlich
der beiderseitigen Behandlung der mythologischen Stoffe beobachtet
worden und hat öfters die Erklärer der Wandbilder zu der An-
nahme veranlasst, dieselben seien durch die lateinische Dichtung
angeregt und somit in dem ersten Jahrhundert der Kaiserzeit er-
funden i). Da diese Ansicht selbst durch die bedeutende Autorität
eines Gelehrten wie Welcker vertreten ist, so erfordert sie eine
eingehende Prüfung und behandeln wir sie daher in einem beson-
deren Kapitel.

XIV. Ueb.er das Verliältniss der mythologischen Wandgemälde zu
der Dichtung der Kaiserzeit.

Die Thatsache, dass die mythischen Stoffe von der Wand-
malerei und von der Dichtung der augusteischen Epoche vielfach
. in eigenthümlich übereinstimmender Weise behandelt sind, dass
gewisse Gemälde geradezu wie Abbildungen nach Schilderungen
der betreffenden Dichter erscheinen, ist so oft bemerkt worden,
dass ich mich begnügen darf, einige besonders bezeichnende Be-
lege in das Gedächtniss zurückzurufen. So lässt sich die Erzäh-
lung des Europamythos, wie sie sich in Ovids Metamorphosen2)
findet, in geeignetster Weise durch die campanische Wandmalerei
illustrireu. Wir begegnen innerhalb derselben sowohl der Sceue,
wie sich Europa, umgeben von ihren Gefährtinnen, auf den Kücken
des Stieres setzt3), als auch mehrerenCompositionen, welche dar-
stellen , wie sie von dem Stier durch das Meer getragen wird -1).
Hier wie dort stimmt die malerische Darstellung in der allgemeinen
Charakteristik und sogar in der Wiedergabe bestimmter Motive
mit der Schilderung des 0viel überein. Die gleiche Verwandtschaft
findet statt zwischen den Wandgemälden und der Erzählung des-
selben Mythos in den Fasten 5).

Das pompeianische Gemälde, welches Paris auf dem Ida dar-
stellt, wie er den Namen seiner Geliebteu, Oinone, einschneidet"),
erscheint wie eine Illustration zu der fünften Epistel des Ovicl,

1) Vgl. z. B. Avellino, il mito eli Ciparisso p. 16; Welcker, Bull,
nap. (ä. s.) Ip. 34; Minervini, Bull. nap. (ri. s.) VII p. 131.

2) II 846 ff. 3) N. 123. 4) N. 124 ff. 5) V 607 ff. 6) N. 1280.
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