Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

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Die campanische Wandmalerei.

VIII. Die idealisirenden Darstellungen aus dem Alltagsleben.

Von den beiden Richtungen, welche sich, wie wir im sechsten
Abschnitt gesehen haben, innerhalb der zu der ersten Hauptgruppe
gehörigen genrehaften Gemälde unterscheiden lassen, ist die,
welche darauf ausgeht, schöne oder anmuthige Erscheinungen zu
verwirklichen, quantitativ die stärker vertretene. Die Stoffe,
welche sie zur Darstellung wählt, sind solche, die eine Schilderung
in diesem Sinne begünstigen. Mit Vorliebe werden jugendliche
Frauengestalten zu Trägern der Handlung gemacht. Wir begegnen
ihnen in den verschiedensten Situationen. Sie schicken sich an,
Cultushandlungen zu vollziehenJ) ; sie sind mit ihrer Toilette
beschäftigt2), unterhalten sich3), musiciren4), scheinen in Liebes-
gedanken versenkt5); eine Malerin ist in ihrem Atelier thätig °);
Mädchen spielen mit einer Ziege7). Die Bildung ist durchweg
von anmuthiger Schönheit; in der Behandlung der Gewänder ist
allenthalben die Entwickelung schöner Motive angestrebt. Im
Wesentlichen ist es nur die vollständigere Bekleidung, welche diese
Gestalten von der in der Kegel bei mythologischen Figuren üblichen
Behandlungsweise unterscheidet. Wo Knabenfiguren vorkommen,
sind sie, abgesehen von der fehlenden Beflügehmg, wie Eroten
gebildet.

Gegenstände , deren Charakter einer anmuthigen Darstellung
widerstrebt, werden vermieden oder es wird zu dem Auskunfts-
mittel gegriffen, sie auf mythologisches Gebiet zu entrücken.
Bei Schilderungen aus dem Leben der niederen Schichten der
Gesellschaft, der Landleute, Fischer, Hirten, Jäger, Handwerker,
waren, wenn sie in dem Bereiche der Wirklichkeit gehalten wur-
den, Züge, welche auf die Härte der Existenz dieser Berufsclassen
hinweisen, kaum zu vermeiden. Um solche Stoffe in ihrem Sinne
zur Darstellung zu bringen, macht die Richtung, mit der wir uns
beschäftigen, mythologische Gestalten, Eroten oder Eroten und
Psychen, zu Trägern der Handlung. Diese Bilder entbehren mit
wenigen Ausnahmen jeglichen mythologischen Gehalts, sind viel-
mehr , da sie die geflügelten Kinder in den verschiedenartigsten
Thätigkeiten und Situationen des täglichen Lebens, auf der Jagd8),
beim Fischfang9), auf der Weinlese10), mit mannigfachen Hand-
werken11) beschäftigt, vor Augen führen, nichts Anderes als
Darstellungen aus dem Alltagsleben, die jedoch in eine über die

1) N. 1410. 1412. 2) N. 1435 ff. 3) N. 1431 ff.
5) N. 1429. 1430. 6) N. 1443. 1444. 7) N. 1434.
9! N. 820. 10) N. 801 ff. 11) N; 804 ff.

4) N. 1442.
8) N. 807 ff.
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