Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

Page: 348
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348 XXVIII. Ueber einen Ghinduritersehicd ant. u. mod. Malerei.

XXVIII. Ueber einen Griuidunterschied antiker und moderner

Malerei.

Das Material, welches zur Vergleichung antiker und moderner
Malerei vorliegt, ist sehr ungleich beschaffen. Während wir die
letztere nach ihren höchsten Leistungen zu würdigen im Stande
sind, haben sich aus dem Alterthume nur decorative Frescobildcr
erhalten. Mag aber auch der Abstand, den wir zwischen der
kunstmässigen Malerei der Alten und den erhaltenen Wandbildern
vorauszusetzen haben, noch so bedeutend veranschlagt werden, so
liegt doch kein Grund vor; anzunehmen, dass das Princip der
beiden Gattungen ein verschiedenes gewesen sei. Wir dürfen dem-
nach immerhin mit der nöthigen Vorsicht aus-den Wandbildern
auf die Tafelmalerei schliessen und das Ergebniss, welches sich
hierbei herausstellt, mit den modernen Leistungen vergleichen.

Ich habe nicht die Absicht, diese schwierige Frage erschöpfend
zu behandeln, sondern nur eine Thatsache festzustellen, welche
hierbei von der grössten Tragweite ist und weiteren Erörterungen
als Ausgangspunkt dienen kann, eine Thatsache, welche in
engem Zusammenhange steht mit der Verschiedenheit des antiken
und des modernen Naturgefühls, die bereits in unserem dreiund-
zwanzigsten Abschnitte berührt wurde.

Wir dürfen mit hinreichender Sicherheit annehmen, dass die
Wandmaler in der Darstellung der Hintergründe dasselbe Princip
verfolgten, wie die gleichzeitigen Tafelmaler. Vergleichen wir
nunmehr die den Wandbildern und die der modernen Malerei
eigenthümliche Behandlung dieser Motive, so tritt ein bemerkens-
werther Unterschied zu Tage. Dort sind die landschaftlichen
Bestandteile fast durchweg sehr hell und recht eigentlich als
Grund behandelt, auf welchem sich die Plastik der handeln-
den Figuren als etwas Selbstständiges und Fürsichbesteheudes
abhebt'). Hier dagegen spricht die Landschaft ungleich stärker
mit und greifen die Wirkung der Handlung und die der Gründe
vielfach in einander über. Und diese Behandlung ist nicht etwa
erst eine Errungenschaft der fortgeschritteneren Stadien der mo-
dernen Kunst; vielmehr zeigen sich die ersten Spuren derselben,
wenn auch zunächst mit gebundenem Ausdrucke, baldigst, nach-
dem die Malerei den Goldgrund aufgegeben hat. Dieser Uhter-

1) Nur ganz wenige Gemälde, welche gewissermaassen einer Ueber-
gängsgattung von der Historienmalerei zur Landschaft angehören, wie
das grosso Dirkebikl N. 1151 , machen eine Ausnahme von der oben
aufgestellten Regel.
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