Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

Page: 88
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Die campanische Wandmalerei.

spielt, ist es auch möglich, dass der Künstler das göttliche Ge-
schwisterpaar in einer genrehaften Situation auffasste und schil-
dern wollte, wie Apoll die Schwester durch seine Musik ergötzt1).

Eine ganz vereinzelte Erscheinung ist es endlich, wenn
Heroen, welche der Mythos durch eine bestimmt entwickelte
Handlung zu einander in Bezug setzt, ohne Handlung und ohne
Ausdruck einer durch das Zusammensein bedingten Stimmung
neben einander gestellt sind. Dieser Fall könnte vorliegen auf
zwei Gemälden, welche Meleagros und Atalante darstellen2).
Doch fragt es sich, ob diese Erscheinung nicht vielmehr der
Hand des ausführenden Wandmalers zuzuschreiben ist, ob nicht
die Originale in der psychologischen Entwicklung der Gesichter
der Darstellung einen Inhalt gaben , welcher in der decorativen
Frescomalerei verloren ging.

Ich verhehle es mir nicht, wie unzureichend diese Bemerkungen
sind gegenüber der Fülle der mannigfachen Abstufungen, welche
iunerhalb der gesammten Masse der mythologischen Wandgemälde
ersichtlich sind, bin mir vielmehr wohl bewusst, dass sich die
Grenze zwischen den einzelnen Richtungen, die ich unterschieden
habe, nicht immer mit mathematischer Genauigkeit ziehen lässt,
dass man angesichts vieler Compositionen schwanken kann,
welcher Richtung sie zuzuschreiben seien, dass sich in einzelnen
Bildern Züge verschiedener Richtungen kreuzen. Trotzdem habe
ich diese Bemerkungen nicht unterdrückt; gelingt es auch nicht,
ein in alle Einzelheiten eingehendes Bild der auf diesem Gebiete
herrschenden Bewegung zu geben , so sind wenigstens gewisse
Hauptrichtungen, die eine grössere Menge von Compositionen um-
fassen , zum Bewusstsein gebracht und durch charakteristische
Beispiele veranschaulicht.

X. Ueber einige synkretistische Producte.

Ehe wir mit der Untersuchung weiterschreiten, sei hier einiger
Gemälde gedacht, in denen ideale Motive, welche von Haus aus
in das Bereich der ersten Hauptgruppe gehören, absichtlich mit
einer veränderten Charakteristik zur Darstellung gebracht sind.

1) Uebrigens findet sich bei Nonn, dionys. XLIV 177 ein Hinweis
auf eine unglückliche Liebe des Apoll zur Artemis.

2) N. 1163. 1164.
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