Helbig, Wolfgang
Untersuchungen über die Campanische Wandmalerei — Leipzig, 1873

Page: 111
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/helbig1873/0131
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XIII. Die decorativ angewandten Figuren.

111

Wir haben mm mehr diese Umrisse,, die wir von der in der
Wandmalerei vorliegenden Entwickelung gegeben haben, mit
dem Resultate zu vergleichen, welches wir in den früheren
Kapiteln hinsichtlich des Kunstvermögens des ersten Jahrhunderts
der Kaiserzeit gewannen. Dieses Resultat lautete dahin, dass
die Erfindungskraft wenigstens auf idealem Gebiete sehr gering
war, dass die Kunst nur, wo sie unmittelbar an die Wirklichkeit
anknüpfen konnte. ein reges Leben bewahrt hatte. Betrachten
wir unter diesem Gesichtspunkte die verschiedenen Gattungen der
campanischen Wandmalerei, so entsprechen die realistischen Dar-
stellungen aus Amphitheater, Circns und aus dem campanischen
Alltagsleben, die Prospecten- und Vedutenbilder, die Stillleben,
vielleicht auch die Mehrzahl der Thierstücke dem Maasse des
Kniistvermögens, welches wir dem ersten Jahrhundert der Kaiser-
zeit zutrauen dürfen. Anders verhält es sich dagegen mit der
Gesammtmasse der mythologischen Compositionen, den idealen
Darstellungen aus dem Alltagsleben, den grossartigen Land-
schaften mit dramatischer Staffage, den zart gestimmten Land-
schaften idyllischer Richtung, den auf einfarbigem Grunde oder
in der Architekturmalerei angebrachten Figuren oder Gruppen.
Sehen wir von der mehr oder minder mangelhaften Ausführung
dieser Malereien ab und betrachten wir den Geist, welcher in ihrer
Erfindung ersichtlich ist, dann tritt uns das Bild einer reich
begabten und vielseitigen Kunstentwickelung entgegen. Wir be-
wundern in einer Reihe von Compositionen die Tiefe und Gross-
artigkeit des Inhalts und die ergreifende Gewalt der Darstellung:
wo der Inhalt weniger bedeutend ist, gewahren wir in der Regel
ein zartes poetisches Gefühl und unter allen Umständen schön
gedachte und klar ausgedrückte Figuren, im Ganzen eine
reiche. Fülle bedeutender Motive. wie sie nur von einer im
höchsten Sinne produetiven Kunst erfunden werden konnte.

Wollten wir annehmen, dass diese Motive in der Kaiserzeit
erfunden sind, dann würden wir mit dem Resultate, welches wir
im Vorhergehenden über den Zustand der Malerei dieser Epoche
gewonnen haben, in den entschiedensten Widerspruch gerathen.
Wir glaubten annehmen zu müssen, dass es mit der Malerei der
Kaiserzeit noch schlimmer stand, als mit der gleichzeitigen Plastik,
dass, wenn schon die letztere auf idealem Gebiete mehr oder min-
der an ältere Leistungen anknüpfte, diese Annahme in noch
höherem Grade bei der Malerei berechtigt ist. Ist dieses Resultat
richtig, dann ergiebt es sich mit Nothwendigkeit, dass die soeben
erwähnten Compositionen nicht in der Kaiserzeit erfunden sind,
sondern auf ältere Originale zurückgehen.

Gegen diese Annahme scheint bei flüchtiger Betrachtung die
loading ...