Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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XXVI. JAHRGANG. DARMSTADT JANtlAR 1915.

DAS HAUS KNORR BEI GARMISCH

ERBAUT VON PROFESSOR EMANUEL VON SEIDL

Die Zeit liegt noch nicht allzu weit zurück,
da man sich ein Landhaus im bayerischen
Voralpenlande nicht anders denn im Stile des
sogen, schweizer Bauernhauses denken konnte,
obwohl die klimatischen Verhältnisse die An-
häufung von Altanen, die eine charakteristische
Eigentümlichkeit jenes Bautypes bilden, als gar
nicht sehr praktisch erscheinen ließen. Eine
Wandlung in diesen Anschauungen hat erst die
moderne Architektur herbeigeführt; indem sie die
malerische Erscheinung hinter der zweckmäßigen
Gestaltung des architektonischen Gebildes zurück-
treten ließ, erfand sie auch für die erstere neue
Formulierungen, die von der wahllosen Anklebung
von Erkern, Baikonen und anderer Schmuckmotive
absah, und aus dem Zweck des Gebäudes und
den sich daraus ergebenden Bedingungen ihre
belebenden, organischen Formen schuf. Den
Hauptanstoß zu diesen Umwandlungen fand wohl
aber die Architektur wenigstens für das Land-
haus nicht von sich aus, sondern er wurde ihr
dargeboten durch eine Veränderung in den An-
schauungen des gesellschaftlichen Lebens. Mehr
und mehr setzt nämlich bei uns eine »Großstadt-
flucht« ein, ein bezeichnendes Gegenstück zu der

Landflucht bäuerlicher Bevölkerung, die jeden,
dessen Verhältnisse es einigermaßen gestatten,
seine Beziehungen zu dem nervösen Gehaben
der Großstadt dauernd lösen lassen, soweit das
irgend möglich ist. Nicht mehr für die kurzen
Sommermonate, sondern für das ganze Jahr sucht
ein Teil der Stadtbevölkerung eine Zuflucht in
der Stille des Landlebens. Daß diese Sachlage
einen großen, wenn nicht den bedeutendsten An-
stoß zur Stilwandlung des Landhauses, das sich
nun mehr der Form des Herrenhauses des Guts-
besitzers annähert, gegeben habe, ist zweifellos.

Ein Musterbeispiel eines solchen Landsitzes,
der für den dauernden Aufenthalt auf dem Lande
bestimmt ist, bietet das Haus der Frau Knorr,
das Prof. Emanuel von Seidl auf einer Anhöhe
bei Garmisch errichtet hat. Die Möglichkeit, den
Grundriß ohne jede beengende Rücksicht auf
einen räumlich beschränkten Bauplatz schaffen zu
können, hat hier zu einer Ausdehnung des Ge-
bäudes in behagliche Breite geführt, die schon
bei den größeren Schloßbauten des Rokoko, die
ja auch meist fernab von der Residenzstadt ent-
standen, sich findet. Gründe des praktischen
Bedürfnisses sind für diese Bevorzugung des

1915. I. 1.
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