Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

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ENTW. U. AUSF: R. UND O. LINNEMANN-FRANKFURT GEMALTES KIRCHENFENSTER »KREUZABNAHME«

NEUE GLASMALEREIEN

RUDOLF UND OTTO LINNEMANN-FRANKFURT A. M.

A uch in der Glasmalerei tobt der Kampf um neue Stil-
J~\ formen. Wir können uns dessen freuen als eines
Zeichens, daß diese altehrwürdige Kunst immer mehr
zurückgewinnt von ihrer Wertschätzung, nach den bösen
Zeiten tiefen Verfalls und geschäftsmäßigen Fabrik-
betriebes mit ihrem technischen Ungeschick und ihrer
Nichtachtung oder Verkennung der stilistischen Grund-
bedingungen. Aber der Stil an sich ist für die Glas-
malerei nicht das Wichtigste. Sie ist eine Schmuckkunst
im wahrsten Sinne des Wortes, und ihr Zweck bestimmt
ihren Stil. Räume zu schmücken ist ihre Aufgabe, deren
Wirkung zu erhöhen oder überhaupt erst vollkommen zu
gestalten. Wir können uns wohl vorstellen, daß der Mai-
länder Dom jetzt, wo man aus Furcht vor Bomben die
farbigen Glasfenster herausgenommen und durch weiße
Scheiben ersetzt hat, kahl und nüchtern wirkt.

Die Bilder, denen diese Zeilen gewidmet sind, zeigen
aus der reichen Zahl der von den Brüdern Linnemann in
den verschiedenen Gegenden Deutschlands und im Aus-
land geschaffenen Glasmalereien nur einige Proben. Ver-
mögen diese von der Schaffenskraft und Vielseitigkeit
der Künstler, die neben der Glasmalerei die nahe ver-
wandte monumentale Wandmalerei eifrig pflegen, keinen
vollen Begriff zu geben, so lassen sie auch eine richtige
Wertung des Farbenspieles nicht zu, dessen Stimmung in
Tiefe und Leuchtkraft der Töne für des Glasmalers Kunst
das Höchste bedeutet, vielfach auch den Charakter der
Komposition und die Führung der Linien bestimmt.

Nur die ersten beiden Bilder zeigen Schöpfungen für
neuzeitliche Räume. Das Fenster des katholischen Kirchen-
raums auf der Kölner Werkbundausstellung verbindet
den großen Zug einer in ihrer Linienführung der mehr
breiten als hohen Gestalt des Fensters entsprechenden

Komposition mit einem wohlabgewogenen dramatischen
Pathos in den einzelnen Gestalten und einer breiten Be-
handlung der großen Gläser zu monumentaler Gesamt-
wirkung. Zierlich und ganz dem heimeligen Charakter
eines privaten Raumes angepaßt ist dagegen das in der
zweiten Abbildung wiedergegebene Fenster mit seiner
Beschränkung auf die schmückende Begleitung der Licht-
öffnungskonturen und die kleinodartige Füllung ihres
oberen Abschlusses.

Schon der Vater der Brüder Linnemann war als Maler
und Glasmaler hochgeschätzt, und in der von ihm ge-
gründeten Werkstätte schaffen die Söhne mit junger
Kraft weiter. Es ist eine wirkliche Werkstätte: unter
den Augen der Künstler werden nach ihren Kartons die
Gläser von den Gehülfen zugeschnitten, gemalt und ge-
brannt, dann die Scheiben zusammengefügt. Was das
für ein Vorzug ist, kann nicht hoch genug geschätzt
werden bei einer Kunst, deren Wirkung so abhängig
ist von der genauen Kenntnis und richtigen Behandlung
des Materials und der Technik wie gerade die Glasmalerei.

Die Linnemannsche Werkstatt hat diese Kenntnis in
vielen vortrefflichen Wiederherstellungen alter Glas-
malereien bewiesen. Der dadurch erreichte Anschluß an
die alte Werkstatt-Tradition hinwiederum, in Verbindung
mit eigenem starken und geschmackvollen Kunstempfinden
hat dann die Brüder Linnemann nicht nur bewahrt vor
stilwidrigem Uberschreiten der Grundgesetze der Glas-
malerei ; er hat sie auch in den Stand gesetzt zu Schöp-
fungen für alte Bauwerke, die seither keine Glasfenster
besaßen, und, was noch weit schwieriger ist, zur Weiter-
führung der Ausschmückung solcher Kirchen, in denen
alte Glasmalereien die Haltung des Hinzuzufügenden
gebieterisch bestimmten. Dessen sind Zeugnis die ab-

1915. VIII. 4.
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