Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

W.K1MBEL. ARBEITSZIMMER IM SCHLOSS PAUL1NUM. AUSF: KIMBEL & FR1EDER1CHSEN. ARCH. KG L. BAU RAT CARL GROSSER —BRESLAU

UNSER HANDWERK IN NOT

AUS EINER AUFSATZREIHE VON WILHELM KIMBEL

Die große Krankheit unserer Tage, das Überwuchern
aller möglichen Theorien auf Kosten des wirklichen
Könnens, zeigt ihre zerstörende Wirkung am allerersten
im Handwerk. Wohl kaum je gab es eine Epoche, die
ein so geringes Verständnis für alles Schöpferische hatte,
soweit das Kunsthandwerk als solches in Frage kommt
und vom Ingenieurberuf und den rein wissenschaftlichen
Errungenschaften abgesehen wird. Schuld daran ist der
törichte Gedanke, daß im Handwerk die Theorie über
der Praxis stehe, daß die Tradition ein Hindernis sei und
überwunden werden müsse, wenn die künstlerische Aus-
drucksformel unserer Tage gefunden werden soll.

Es ist durchaus kein Zufall, daß der Rückgang des
Handwerks zeitlich zusammenfällt mit dem ewig steigen-
den Besuch unserer Universitäten und mit der ungeheuren
Zunahme der »Leute, die ihren Beruf verfehlt haben«.
Hier verketten sich Ursache und Wirkung auf das aller-
engste. Indem der Staat jedem halbwegs Begabten die
Pforten der Akademie freigab, hat er dem Handwerk das
Wasser ebenso abgegraben, wie er den Durchschnitt
unserer künstlerischen Leistungen herabgeschraubt hat.
Wenn heute in einem wohlhabenden bürgerlichen

Hause ein junger Mann sich ausgesprochen künstlerisch
begabt zeigt, so wird er Maler oder Bildhauer und wan-
dert auf die Akademie. Verfügt die Familie außerdem
noch über gute Verbindungen, so sucht ihr Sohn die
Hochschule auf und wird Architekt. Im Handwerk bleiben
die Kinder unserer Kleinbürger oder derjenigen Schichten
der Bevölkerung, die die Sozialdemokratie als Proletarier
für sich beansprucht; und dementsprechend gestaltet sich,
wenn man der Sache auf den Grund geht, auch die Zu-
kunft unseres Handwerks.

Den Entschluß, ihren Sohn Kunsthandwerker werden
zu lassen, fassen die Eltern meistens viel zu spät, ein
Grundfehler, der zum Teil mit dem Überwuchern unseres
ganzen Schulwesens zusammenhängt, das unter Um-
ständen den jungen Mann vom 6. bis zum 20. Jahre an
sich fesselt. Es ist eben bei der Jugenderziehung der so-
genannten besseren Kreise alles auf das Universitäts-
studium zugeschnitten, ganz gleich, ob der Schüler später
wirklich studiert oder nicht. Studiert er nun doch nicht,
so sind für seine Erziehung zum Handwerker die kost-
barsten Jahre verloren gegangen, denn die Lehrjahre bil-
den eben die Grundlage für den zukünftigen Meister.
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