Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT FRITZ ZEYMER - WIEN

MUSIKZIMMER IM HAUSE G.

DER ZUFALL ALS RAUMKÜNSTLER

Es gibt Tage, wo uns die geringste Schönheit ergreift,
und Tage, die unsere Nerven kalt und stumpf finden,
daß auch das Größte sie nicht zu erschüttern vermag.
Nur wenn das Auge weich und eindrucksam ist wie
lockeres Erdreich, das auf den Samen wartet, erwachen
die Räume um uns zu Leben, zu kräftiger, sprießender
Existenz. Nur in diesen Tagen, diesen wenigen gesegneten
Stunden sind wir wirklich im Stande und berufen, Raum-
schönheit kritisch zu wägen und zu deuten!

Wie anders wirken da oft die Dinge, als der gestaltende
und ordnende Architekt sichs gedacht. Das Flimmern
eines Sonnenflecks an der Wand wird bedeutsamer als der
ganze sorgsame Aufbau der Fläche. Ein blauer Himmel
schickt seine Reflexe durch die Fenster, und über die
öden schwarzen Politurflächen huscht plötzlich ein freund-
licher Hauch, der alles Harte vergessen läßt. Die Linien
scharfberechneter Proportionen werden leer, ferne Dinge
treten dafür in Beziehungen, die unscheinbarsten Neben-
sächlichkeiten gewinnen Leben und Bedeutung. Ein bunter
Schal, achtlos über eine Stuhllehne geworfen, ein halb-
geöffneter Schrank, eine Gruppe aus ein paar Hand-
schuhen, Blumen, Armbändern, das kann auf einmal als
ein reizvolles Bild dastehen, je nach der Beleuchtung, je
nach der Stimmung des Beschauers. Das stille Hängen

einer Quaste an langer Schnur kann so traurig stimmen
wie eine langgedehnte, müde Melodie; wie Allegretto
dagegen rieseln lustig zierliche Volants. Die Stimmung
hängt oft an Momenten, die nur der Zufall enthüllt, sie
verfliegt, sobald Absichtlichkeit, Berechnung diese Mo-
mente wiederholt, steigert, ausnutzt. Solche Situationen
können nicht mit kühlem Verstände konstruiert werden,
das Spiel des Lebens muß sie bringen, nur so können sie
Leben widerstrahlen. Es ist nicht ohne Wichtigkeit, daß
das harte weiße Licht des Tages solcher Raumpoesie
nicht günstig zu sein pflegt. Erst im Dämmer oder im
halben Licht, wo die nackte Gegenständlichkeit hinter
einem Schleier leise zurücktritt, wachen die Seelen der
Dinge um uns, der bauchigen Schränke, der zierlichen
Geräte, aller, die da hängen, oder stehen oder liegen, auf,
beginnt das Raunen und Rauschen, das heimliche Weben
der Stimmung. Da ist es dann auch, wo der Zufall, der
angeblich sinnlose, seinen tiefen Sinn, seine Bedeutungs-
fülle, zu offenbaren beginnt. Die Blumen, die achtlos
neben dem Bild auf dem Schreibtisch liegen, erwecken
in ihrer zufälligen Lage die Vorstellung von der feinen
Geste einer schmückenden Hand — der stumme ver-
schlossene, beiseite geschobene Flügel steht wie ein müder
Vogel, der vom Fliegen und Singen erschlafft ist. Gerade
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