Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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DEUTSCHER IDEALISMUS UND DEUTSCHE KUNST

Der Krieg geht um unseren Einfluß auf die Welt.
Ihn wollen uns die Feinde abschneiden. Wir aber
wollen uns auch in dieser Weltkrise auf dem Laufenden
halten. Wir nahmen den Geist der ganzen Welt in uns
auf, kein Volk mehr als wir. Aber wir haben ihn ver-
arbeitet. Was Großes in der Welt geschaffen ist, wurde
bei uns verstanden, oft früher als in den Heimatländern
der Künstler, die die neuen Wege wiesen, die die Ent-
wicklung voran brachten. . . . Die alten Stile blieben uns
indeß stets fremd. Sie haben keine wesentliche Fort-
schritte veranlaßt. Das Alte ist eben uns Späteren un-
erreichbar, das Ergebnis aller Stilkunst daher lediglich die
Unzulänglichkeit. Als das einmal wieder erkannt wurde,
um 1890, erlebten wir den vielgescholtenen Jugendstil.
Aber er war die erste große Stilbewegung in Deutsch-
land unserer Zeit. Der Jugendstil wurde in Deutsch-
land schnell überwunden. Das was in diesem Versuche
unhaltbar war, ist ausgeschieden. . . . Inzwischen haben
sich aus jenen Anfängen die starken Wurzeln eines
deutschen Baustils entwickelt. Wohl haben wir auch in
den neueren Aufgaben von den anderen Völkern gelernt,
wir haben vieles vom englischen Wohnwesen aufge-
nommen, aber schon sind die ehemaligen Lehrer überholt,
und es geht gerade aufs Ziel los: eine neue Erfassung der

Aufgabe. Auf den ersten Blick unterscheiden wir heute
schon englische und deutsche Arbeit, und unsere Wohn-
kunst ist heute die erste auf der Erde. Unser Ringen ums
Typische im Städtebau wird von der Welt bewundert.
Die Zweckerfüllung als stilbildendes Element ist von
Deutschen anerkannt und zum Ziel gemacht, das Neue
liegt im Prinzip. Deshalb ist der goldene Mittelweg un-
möglich, es geht vorwärts, trotz der Alten, die den Stilis-
mus retten möchten. . . . Dafür setzt sich die Jugend
ein, und ebensoviel Idealismus, wie irgendwo und
irgendwann, haben auch jene Künstler, mögen uns ihre
Richtungen auch nicht gefallen, die für ihr Ideal arbeiten.
Die Jugend, die sich ihrem Ideale opfert, wird sich durch-
setzen, allen Erfahrenen zum Trotz, denn Erfahrungen
sind unübertragbar. Die Pflege der Erfahrungen, die Be-
schränkung auf die künstlerischen Erfahrungen früherer
Zeiten haben Frankreich und England die traurige Un-
fruchtbarkeit auf den Gebieten gebracht, wo sie sich diese
Beschränkung auferlegt haben, wie in der Baukunst und
im Kunstgewerbe. Es rächt sich hier, daß der Kampf
nicht mehr um Ideale geht, nicht um kulturelle Aufgaben,
sondern um materielle. Eine deutsche Kunst haben
wir und werden wir haben, weil sie nach Idealen
strebt......... Professor Cornelius gurlitt-dresden.
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