Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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VOM FORMEN-SEHEN UND FORM-GENUSS

erringung der fähigkeit zur formfreude

Im Anfange der kunstgewerblichen Umwälzung war viel
die Rede von einer neuen Art dekorativer Formen.
»Abstrakte Form« hieß das Schlagwort, von dem man
eine durchgreifende Neuordnung des kunstgewerblichen
Schmuckes erwartete. Es sind jetzt gerade zwanzig Jahre
her, seit einer der geistvollsten Vertreter dieser Neuerung
die Worte schrieb: »Formkunst, die der Menschen Seelen
aufwühlt allein durch Formen, die nichts Bekanntem
gleichen, die durch frei gefundene Formen wirkt wie die
Musik durch freie Töne! Aber die Menschen wollen noch
nichts davon wissen; sie können nicht genießen, was ihr
Verstand nicht begreift, und so erfanden sie Programm-
Musik, die etwas bedeutet, und Programm-Dekoration,
die an etwas erinnert, um ihre Existenzberechtigung zu
erweisen. Und doch kommt die Zeit, da in Parken und
auf öffentlichen Plätzen sich Denkmale erheben werden,
die weder Menschen noch Tiere darstellen, Phantasie-
formen, die der Menschen Herz zu rauschender Be-
geisterung und ungeahntem Entzücken fortreißen werden «.
So drückte es August Endeil aus. Er selbst ist inzwischen
andere Wege gegangen, und wir haben schnell über die
abstrakten Formen lächeln gelernt. So schnell, daß wir
sogar vergassen, uns klar zu machen, daß immerhin starkes
künstlerisches Empfinden in der rasch erledigten Richtung
steckte und daß diese sogar nachträglich noch eine Art
Rechtfertigung erfuhr durch die ganz ähnlichen und
durchaus mit ihr vergleichbaren Bestrebungen in der
Malerei. Wenn sich auch die abstrakte Form in k u n s t -
gewerblicher Hinsicht als unergiebig erwiesen
hat, so liegt ihr doch eine große Energie im Form-
Empfinden überhaupt zugrunde. Und dies ist der
Grund, weshalb Endells Sätze an den Anfang dieser
Zeilen gestellt wurden, in denen vom Sehen und Emp-
finden der Formen die Rede sein soll. Inbegriffen ist
hierbei sowohl die Kunstform wie die Naturform. Da
enthüllt denn sogleich die Lehre von der abstrakten Form
ihre Beziehung auf unsern Gegenstand. Denn: Formen
richtig und künstlerisch sehen, das bedeutet, sie abstrakt
sehen, d. h. möglichst ohne Beeinflussung durch das,
was sie stofflich oder seelisch etc. bedeuten. Diese
Gabe ist immer noch sehr wenig verbreitet. Wohl gibt
es schon seit langer Zeit bei den Menschen die Freude
an der Form, und die Entwickelung der Kunst, wie sie
sich in ihrer Geschichte spiegelt, wäre ohne Mitwirkung
dieses Elementes reiner Formfreude gar nicht denkbar.
Aber sie ist uns noch nicht zu einem festen und bewußten
Besitze geworden. Am meisten haben wir, wie noch
jüngsthin, die Maler von ihr reden hören. Aber sie
gingen ja naturgemäß immer zunächst auf die Farbe aus.
Erst neuerdings ist in den ästhetischen Untersuchungen
mehr vom Tastsinn und seinen reinen Entzückungen die
Rede; möglich, daß von hier aus die Angelegenheit des
reinen Formsehens allmählich Förderung gewinnt. Prak-
tisch zu reden, so gilt es sich darüber klar zu werden,
daß die Fähigkeit zur Formfreude errungen und
geschult werden muß. Wenn man Schönheit der Form
verstehen und empfinden will, so muß man vor allem
lernen, abgegrenzt und konzentriert zu sehen.
Einzelheiten müssen bewußt und mit dem nötigen Gefühl
für ihre Wichtigkeit und Einzigkeit ins Auge gefaßt

werden. Über Dinge wie den Ansatz eines Blattes am
Stengel, die üppigen, quellenden Formen zweier sich
umarmender Buchen oder das Liniengefüge einer Berg-
landschaft darf das Auge nicht zerstreut hingleiten,
sondern es muß jede Flächenkrümmung, jedes Aufquellen
und Zusammenziehen miterleben. Diese Dinge müssen
abgetastet und gleichsam Buchstabe für Buchstabe ab-
gelesen werden. Dies schon aus rein optischen Gründen;
denn wir sehen doch immer nur einen einzigen Punkt
genau. Zum plastischen Nachschaffen einer Form gehört
schon deshalb ein bewußtes Einstellen auf's Sehen. Sehen
wir auf solche Art, so machen wir die Bekanntschaft
einer ungewohnten Welt, die uns eine Fülle von Schätzen
zu bieten hat. Es ist ungefähr so, als tönte aus allem,
was uns bisher stumm gewesen, mit einem Male Musik.
Und wie Musik wirkt das echte Formerleben auch auf
das Gemüt des Menschen ein, das heißt, es liefert viel-
fach abgestufte Erregungen der Affekte. Gerade die
Naturformen sind sehr ergiebig in der Anregung der
Gefühle. Es gibt wirklich, wie einmal gesagt wurde,
mutwillige Bäume und boshafte tückische Äste, keusche
Gräser und furchtbare, ja grausenerregende Blumen.
Freilich ist das Formensehen nur dann rein, wenn solche
Empfindungen nicht gesucht werden, ebenso wie das
Hören von Musik nur dann rein ist, wenn das Ohr aus-
schließlich der musikalischen Form folgt, ohne daß der
Geist mit seinen vielerlei assoziativen Vorstellungen
fortwährend dazwischen tritt. Wie ein Künstler einmal
bemerkte, »ist die Macht der Form über unser Gemüt
ein direkter, unmittelbarer Einfluß, ohne alle Zwischen-
glieder, durchaus nicht etwa die Folge eines Anthro-
pomorphismus, einer Vermenschlichung. Wenn wir von
einem trauerndem Baume sprechen, denken wir den Baum
durchaus nicht als lebendes Wesen, das trauert, sondern
meinen nur, daß er in uns das Gefühl des Trauerns
erwecke. Oder wenn wir sagen, die Tanne strebe empor,
so beseelen wir die Tanne nicht; der Ausdruck des Ge-
schehens »Streben« erzeugt nur leichter in der Seele
des Zuhörers das sukzessiv entstehende Bild des Auf-
rechten. Dergleichen ist nur ein sprachlicher Notbehelf,
die mangelnden Worte zu ersetzen und rascher lebendige
Anschauung zu erzeugen.« — Der Schwerpunkt alles
Formensehens liegt aber stets in der inneren Auf-
raffung zum Sehen. Es gilt, sich zu sagen: jede Form
ist einzig und wichtig. Jede Form ist auch eine mensch-
liche Leistung (soweit Kunstformen in Frage kommen)
und verdrängt daher irgendeine Leere oder Gestalt-
losigkeit. So ist auch kein Form-Genuß denkbar ohne
eine begleitende, wenn auch dunkle Genugtuungs-
Empfindung, die der gemeinsamen Interessiertheit aller
Menschen an der Form entspringt. Denn alle Form
rückt, wie die Fahnenspeere der Eroberer, die Marken
des Menschlichen weiter hinaus. . . . willy frank.

*

Jene herzerhebende Weisheit, welche verkündet, daß
Anschauung höher steht als Erkenntnis und welche,
insofern aller Glaube nur innere Anschauung ist, auch
als eine religiöse Weisheit bezeichnet werden darf, ist
vor allem — eine künstlerische Weisheit. . Das Wissen
erzeugt Pygmäen, der Glaube erzeugt Heroen, langbehn.

1915. v. 2.
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