Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

PROFESSOR ADELBERT NIEMEYER-MÜNCHEN

ANKLEIDEZIMMER DER DAME IM HAUSE KRAWEHL

überall den Angaben der praktischen Hausfrau
mit allem Verständnis für jede bewährte tech-
nische Errungenschaft gefolgt. Hier wäre auch
das weit ab vom Hause erbaute Stallgebäude
zu nennen. — Sind die Kellerräume möglichst
übersichtlich gruppiert, sind Küche und Speisesaal
ebenso geschickt getrennt wie verbunden, so sind
die Räume im ersten Stockwerk, wie aus dem ab-
gebildeten Grundriß S. 150 ersichtlich ist, in drei
selbständige Gruppen geteilt, für die Eltern, die Kin-
der, die Gäste. Auch sonst ist gar sehr viel prak-
tisches hier geschaffen, was allen Architekten zur
Nachahmung zu empfehlen ist. Niemeyer ist groß
als Künstler, groß als Architekt, weil er ein tüch-
tiger Praktiker ist. Weise schaltet er mit den
materiellen Miltein, wie mit dem Material. Wo
längstmögliche Dauerhaftigkeit zu erstreben ist,
ist das kostbarste Material gewählt worden. Aber
niemals ist mit Material geprotzt worden, wo die
künstlerische Wirkung unabhängig vom Material,
wo das einfachere, wohl gar eine schönere Lösung
erschließt. . . . Das sind gute Grundsätze, gut für
alle guten und für alle schlechten Zeiten. Und
so haushälterische Wohnungsgestalter — wird die
nächste Zeit wohl anderen vorziehen. . . e.w.b.

DER RAUM ÜBER DEN MÖBELN

Jeder Raum, jeder Tisch, alle Möbel, die wir im Zimmer
aufstellen, bedingen eine doppelte Raumgestaltung.
Sie haben einmal selbst eine körperliche Form, sie ge-
stalten den Raum, den sie mit ihrer körperlichen Masse
einnehmen, mit ihren Konturen begrenzen. Auf diese
Raumgestalt pflegt der Künstler zuvörderst und oft aus-
schließlich zu achten, er bildet das Möbel so, daß es als
Körper eine gute Form zeigt. Die Möbel bedingen aber
auch den Raum, der sie umgibt, wenn nicht ganz und
gar, so doch zu einem wesentlichen Teil. Sie drängen
sich in den kubischen Raum, den das leere Zimmer bildet,
mit ihrer dreidimensionalen Körpermasse ein, sie ver-
drängen soviel anZimmerraum, als ihrem »Tonnengehalte«
entspricht. Sie schaffen Schwerpunkte, Teilungen, Dif-
ferenzierungen des Raumes. So entsteht im Zimmer eine
Zweiheit von Leerem und Erfülltem, und die Gestalt des
leeren Raumes ist durch die Form der eingeführten Möbel
mitbedingt. Der leere Raum bildet eine Form für sich, ganz
wie es beim sogenannten negativen Ornament der Fall ist.

Je schärfer die Form der Möbel ausgeprägt ist, je
körperhafter sie dastehen, desto bestimmter tritt auch
die Gestalt des negativen Raumes heraus, und der
Architekt ist gezwungen, diesem Raumfaktor ein be-
sonderes Augenmerk zu widmen. Ist der negative Raum
unschön, so kann sich unmöglich ein harmonischer und an-
genehmer Gesamteindruck für Auge und Gefühl ergeben.
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