Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

Page: 345
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1915/0369
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

345

ARCH1T. OTTO INGOLD-BERN. EINGEBAUTER SCHRANK IM WOHNHAUSE CARD1NAUX. HOLZWERK BLAU GESTRICHEN, WAND GELB

KÜNSTLERISCHES ÜBER DEN HAUSEINGANG

In alten Städten finden wir fast überall noch die ältere
Form des Hauseingangs, daß die Treppe, die zwischen
dem Straßenniveau und dem Erdgeschoß vermittelt, vor
der Hausfront liegt, während heutzutage die Treppe ent-
weder ganz in das Innere des Hauses verlegt oder min-
destens in eine von der Straße zurücktretende Türnische
eingebaut wird. Vom Standpunkt des Verkehrs ist die
zweite Form die zweckmäßigere; dafür ist die ältere Form,
welche die Treppe mit der Tür selbst in eine organische
Verbindung bringt, die architektonisch wirkungsvollere.
Wo die Lage des Hauses es möglich macht, sollte man
sie darum auch heute noch vorziehen: also z. B. bei Land-
häusern. Ein besonders stimmungsvolles Motiv ergibt sie,
wo sie als eigentliche Freitreppe mit einem Podest aus-
gebildet ist. Es ist ein typisches Bild alter Hauskultur,
wie es uns bei alten Gasthäusern, Pfarrhäusern, behä-
bigeren Land- und Kleinstadthäusern usw. noch häufig
begegnet: die steinerne Haustreppe mit der schmucken,
weiß oder grün gestrichenen Tür, zu beiden Seiten von
Oleanderbäumen in hölzernen Kübeln flankiert. An
reicheren, herrschaftlichen Häusern zeigt wohl auch das
Treppengeländer ein schönes Stück alter Schmiedearbeit,
oder die Treppenrampen sind mit einer steinernen Brüs-
tung eingefaßt, deren Eckpfosten mit Kugeln — ein be-
liebtes Motiv des Barock und Rokoko — geschmückt sind.

Von diesen einfacheren Beispielen führen viele Über-
gänge zu den pompösen Monumentaltreppen, mit denen
namentlich die Palastbaukunst des Barock, der klassischen
Kunst des Portal- und Treppenbaues, einen Luxus von
wahrhaft künstlerischem Stil getrieben hat. Meistens
führen diese Treppen zu einem hochgelegten Parterre
hinauf. Es gibt aber auch Fälle, wo die Haupttreppe zum
Obergeschoß selbst an die Außenseite des Hauses gelegt
ist. Ein originelles Beispiel dieser Art ist u. a. das ehe-
mals markgräflich badische Schlößchen Favorite bei Ba-
den-Baden, wo eine solche Außentreppe mit einer pracht-
vollen Balustrade der Architektur erst ihre eigentlich
monumentale Note gibt.

Der Hauseingang, in dem sich der innere Organismus
des Hauses nach außen öffnet, ist der Teil der Fassade,
der von der Straße her den Blick am stärksten auf sich
lenken soll. Aus diesem Gefühl heraus hat die alte Haus-
baukunst das Portal auch dekorativ stets zu einem
Mittelpunkt der Fassadenarchitektur zu machen gewußt.
Das einfachste und wohl auch das ursprünglichste Motiv
des Portalschmucks, das wir überall finden, wo alter
Bürgerstolz sein Haus geschmückt hat, ist das Haus-
wappen. Aus der künstlerischen Ausbildung des Wap-
pens hat sich dann die Umrahmung der ganzen Türe mit
architektonischen und plastischen Motiven — Pflastern,

1916. IX. 3.
loading ...