Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

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architekt karl joh. mossner - berlin.

gartenanlage zu umstehendem bootshaus

ARBEITEN VON KARL JOH. MOSSNER IN BERLIN

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit englischem
Kunstgewerbe, von dem wir unbestritten ent-
scheidende Anregungen erhielten, ist nicht erfolgt. Das
englische Landhaus, die Wohnung, der gesellschaftliche
Stil haben uns eine Zeitlang als höchstes Ideal gegolten.
Wenn wir uns das jetzt gestehen, so ist es uns doch, als
ob die Bewunderung englischen Wesens schon weiß Gott
wie lange zurückläge. Auch sind in unserer Kunst nur
wenig Nachwirkungen davon übrig geblieben, abgesehen
vielleicht von den bunten Stoffen, die sich aber auch
schon merklich verselbständigt haben. Schade, daß die
ganze Wandlung so unbeachtet vor sich gegangen ist!
War das Englische nur eine Mode, die sich wie andere
vor- und nachher verlaufen mußte, oder kehrten wir uns
davon ab, weil wir uns innerlich andern Wesens fühlten?

Wenige Künstler nur haben sich ehrlich und tapfer
mit den englischen Vorbildern herumgeschlagen. Die
dort erkannten Vorzüge in die eigne Sprache umzu-
setzen, dem eignen Wesen anzupassen, womöglich auf
geradem Wege darüber hinauszukommen, das war ihre
Aufgabe. Einige Landhaus-Architekten und vornehmlich
der Kreis um Campbell und Pfeiffer haben es gewagt.

Unter diesem Gesichtspunkte müssen auch Mossners
Arbeiten, eines Freundes dieser beiden, verstanden wer-
den. Seine kräftige, gemütliche Bayernart hat mit dem
dünnen, glatten Wesen der Engländer eine sehr hübsche

Synthese eingegangen, die alle die gerühmten englischen
Vorzüge mit gut deutschem Wesen verbindet. Für
praktische Aufgaben wie für geschmackvolle Befriedigung
auch recht knifflicher Ansprüche hat Mossner eine sehr
glückliche Begabung, sodaß wir von ihm, der zur Zeit als
Flieger dem Vaterlande dient, noch viel schöne und — in
dem bezeichneten Sinne — wichtige Dinge erwarten dürfen.
Er ist zugleich Künstler und Geschäftsmann, er entwirft
und führt aus, das gibt seinem Schaffen von vornherein
eine gesunde Grundlage. In Verbindung mit der alten
Firma Pössenbacher, deren Berliner Filiale er leitete,
hat er in den letzten Jahren eine reiche und interessante
Tätigkeit entfaltet. Das Landhaus in Leipzig, das in der
»Deutschen Kunst und Dekoration« veröffentlicht werden
wird, ist wohl seine größte bisherige Arbeit. Für R. L.
F. Schulz hat er den köstlichen Laden in der Bellevue-
straße und das eigenartige Seglerheim gebaut; in einem
Berliner Restaurant hat er für eine alltägliche Aufgabe eine
äußerst feine künstlerische Lösung gefunden. Einzelräume
verschiedenster Art entstanden dazwischen in großer Zahl,
alle mit höchster Sorgfalt durchgebildet und mit viel Liebe
für die handwerkliche Kleinarbeit. In seinem Empfinden
und Gestalten ist er in erster Linie Handwerker; der Ar-
chitekt in ihm spielt mehr die Rolle eines Schrittmachers,
der den Handwerker führt und ihm reiche und dankbare
Gelegenheit zur Betätigung schafft..... a. jaumann.

1915. I. 4.
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