Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

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AUS DER OSTASIATISCHEN SAMMLUNG WILHELM K1MBEL-BERL1N: SATSUMA-OEFÄSS, ALTE JAPANISCHE BRONZE, ALTE B1XU-KERAM1K

ETWAS ÜBER KUNSTBESITZ

Es sind ganz gewiß noch nie soviel Kunstwerke in der
Welt gewesen wie heutzutage; und noch nie hat
man sich so schlecht darauf verstanden, ein Kunstwerk
im wahren Sinne des Wortes zu besitzen. Gekauft und
verkauft wird ja genug, oder vielmehr viel zu viel. Der
Kunstmarkt zeigt sich von einer Unruhe befallen, daß
jegliche Stetigkeit darüber verloren geht. Jedoch wirk-
lich »besessen« wird viel zu wenig. Man besitzt nur, um
wieder loszuwerden ; um eine günstige Konjunktur abzu-
warten, bei der man seine hundert bis tausend Prozent
verdienen kann. Dies ist nicht etwa bloß bei Kunsthänd-
lern so der Fall (deren gutes Recht es ist); nein, recht
häufig auch bei Kunstliebhabern und Sammlern (auf die
es ein immerhin eigentümliches Licht wirft). Kurz her-
aus : das Kunstwerk ist heute ein Börsenpapier, mit dem
man spekuliert. Und dies sollte nicht sein. Vielleicht ist
nichts so sehr imstande, das wahre und echte Kunstge-
wissen einer Zeit so von Grund auf zu verderben wie ein
solcher Zustand. Ein tief beschämender Zustand, wie
ich meine. Er muß mit der Zeit die wahre Andacht zum
Kunstwerk bis zur Hoffnungslosigkeit vernichten. Und
doch nennt sich unsere Epoche, mehr eitel als stolz, ein
Kunstzeitalter.

Nein, meine Herrschaften, wir werden niemals ein
Kunstzeitalter haben, wenn wir es nicht wieder lernen,
Kunstwerke zu »besitzen«. Es genügt nicht, daß Kunst-
werke massenhaft erzeugt werden. Daß sie den Markt
und die Häuser wie eine Hochflut überschwemmen. Daß

sie bei mondänen Veranstaltungen, die sich Kunstaus-
stellungen schelten lassen, zu tausenden aufmarschieren.
Daß sie in Leitartikeln, Zeitschriften, Broschüren, Mono-
graphien und kostbaren Prachtwerken taxiert, analysiert,
publiziert und zelebriert werden. Daß sie überhaupt in
einem nie dagewesenen Maße von sich reden machen.
Dieses alles genügt nicht. Oder vielmehr, es kann in
jeder Hinsicht völlig entbehrt werden. Aber Eines tut
not: daß Menschen da sind, die mit einem Kunstwerke
zu leben wissen. Menschen, die sich mit einem Kunst-
werke bis zu liebevoller Intimität, ja bis zur Selbsthin-
gabe durchdringen. Kurz Menschen, die einem Kunst-
werk das Leben spenden.

Ein jedes Kunstwerk, das wirklich da sein soll, wird
zweimal erzeugt. Einmal in der Seele seines Schöpfers.
Und das andere Mal in der Seele des echten Genießers.
An sich ist es ja ein totes Ding. Irgend ein Gegenstand,
der nicht dazusein braucht. Ein verschleiertes Bild zu
Sais. Ein harrendes Mauerblümchen. Aber dann kommt
der Ritter, der es liebt; der Weise, der es enthüllt: und
es fängt plötzlich an zu blühen, zu leben — dazusein.
Und das ist es, was ich sagen wollte. Nur Den kann ich
einen Kunstbesitzer nennen, der ein Kunstwerk als solch
ein verliebter Liebhaber sein eigen heißt. Der ihm einen
Teil seiner Seele schenkt und dafür des Kunstwerks Seele
zurückempfängt. Der derart innig mit einem Kunstwerke
vermählt ist, daß er eine spekulative Entäußerung des-
selben als Schmach und Treubruch empfinden würde.
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