Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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KREIS OFFENBACH

numentalität über die Häusergruppen der Stadt und beherrscht weithin die Main-
gegend. In die Nähe des Bauwerkes getreten bemerkt der Beschauer alsbald,
dass es sich bei diesem Denkmal nicht um eine architektonische Leistung aus
einem Guss handelt, sondern er gewahrt eine Reihe von zeitlich getrennten Bau-
gedanken im Wechsel der Formen verwirklicht, deren Entwickelung vom Beginn
des g. Jahrhunderts bis herab auf die Gegenwart reicht.
Baugruppe I'1 ihrer jetzigen Erscheinung stellt sich die Kirche nach Grundplan und

äusserem Aufbau dar als eine aus hohem Mittelschiff und zwei niedrigen Seiten-
schiffen bestehende Pfeilerbasilika mit kräftig ausladendem Transept und weit
vorspringendem Chorhaupt, welches der Durchkreuzung von Langhaus und Querschiff
um ein Vierungsquadrat vorliegt und dann in die Apsis übergeht. (Vergl. Abb.
Nr. 42.) An die Nordseite des Transepts stösst in rechteckiger Plananlage das
eingeschossige ehemalige Archiv, jetzt Einhardskapelle genannt, und an den
südlichen Flügel des Kreuzarmes lehnt sich ein Theil der Abteigebäude. In den
von Transept und Chor gebildeten beiden Winkeln haben die unvollendeten
Ostthürtne ihre Stelle gefunden, von denen das Erdgeschoss des südlich vom
Chor stehenden Thurmes in die Sakristei führt, und ein seitlich angebrachtes
rundes Treppenthürmchen den Aufstieg zu den höheren Thurmgeschossen, sowie
zum Dachraum der Kirche und zum Glockengeschoss des Vierungsbaues vermittelt.
Den Abschluss nach der Westseite bildet eine von zwei schlanken Thürmen flankirte
moderne Fassade mit Vorhalle und dreitheiliger Portalglicderung. Die gesammte
Baugruppe wird machtvoll dominirt von dem Vierungsoktogon, dem sogenannten
Engelthurm. Treten wir den genannten Hauptbautheilen im Aeusseren wie im
Inneren näher in der durch das Zeitverhältniss ihrer Entstehung bedingten Reihen-
folge. (Vergl. Abb. Nr. 43 u. Nr. 44.)

Das Mittelschiff des Langhauses nimmt durch sein Alter wie durch seine
baugeschichtliche Bedeutung alles Interesse in Anspruch. Leider hat dieser Theil
des Bauwerkes, wie der Gesammtbau überhaupt, durch die in den Jahren 1868
bis 1878 theils aus Nützlichkeitsgründen, theils aus freiem Belieben bewerkstelligten
Veränderungen und Neuerungen, unter völliger Beraubung seines alterthümlichen
Charakters, ein ganz und gar modernes Aussehen erhalten. Selbst das geübte
Kennerauge vermag, auf den ersten Blick wenigstens, nur aus den grossen Linien
und Grundformen auf das Vorhandensein untrüglicher Merkmale einer karolingischen
Basilika zu schliessen. Die jüngste Bauthätigkeit hatte jedoch das Gute, dass der
wissenschaftlichen Forschung die Möglichkeit geboten war, den Kern des Lang-
hauses auf seine Struktur und sonstigen Bildungsverhältnisse zu prüfen und hier-
nach seinen Ursprung und kunstarchäologischen Werth zu bestimmen. Das Ergebniss
der Untersuehumr war ein für die Architekturo;eschichte sehr erfreuliches. Denn
die gewonnenen Aufschlüsse bestätigten bis zur Evidenz die bis dahin nur durch
Vermuthungen unterstützte Ansicht, dass das Mittelschiff der Abteikirche in wesent-
lichen Theilen und ganz entschieden in seinen beiden Arkadenreihen mit je acht
freistehenden rechteckigen Pfeilern nebst den sie verbindenden Archivolten der
Karolingerepoche angehört und zweifelsohne als die von Einhard errichtete
Basilika zu betrachten ist.

Mittelschiff

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