Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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KREIS OFFENBACH

im Grossherzogthum Hessen, wo sie in langer Reihe das Land durchziehen. In der Provinz
Starkenburg beginnt diese Palatienkette zu Wimpfen am Berg und findet ihre Fort-
setzung zu Babenhausen und Seligenstadt. In Oberhessen endet sie mit Ueber-
resten im Schloss zu Büdingen und mit der ansehnlichen Burgruine Münzenberg.
In Rheinhessen steht von dem durch Kaiser Friedrich Barbarossa erweiterten karo-
lingischen Pfalzbau zu Nieder-Ingelheim leider kein Stein mehr auf dem andern.
Ausserhalb des Grossherzogthums und unweit seiner Ostgrenze sind der Hohen-
staufenpalast zu Gelnhausen und die Wildenburg bei Amorbach als Glieder der
mittelrheinischen Palatialgruppe zu nennen. Westlich erhob sich das Barbarossa-
schloss zu Kaiserslautern, dessen Ruine zu Anfang unseres Jahrhunderts dem Erd-
boden gleichgemacht wurde. Der Trifels bei Annweiler kann hier nur bedingungs-
weise Erwähnung finden, da seine Anlage von dem System der eigentlichen Palatial-
architekturen abweicht und mehr den Gesetzen des streng wehrhaften Burgbaues
folgt. Die genannten Pfalzen tragen sämmtlieh das Gepräge des spätromanischen
Stvles, untermischt mit gothisirenden Bauformen des Uebergangstadiums, u. A. in
besonders kennzeichnender, struktiver wie ornamentaler Weise bei der Wildenburg.
Die von den Bauhandwerkern bei den damaligen Kirchenbauten erworbene Kunst-
fertigkeit kam auch diesen Herrenburgen zu gute. Grade zu Seligenstadt weisen
die am Palatium befindlichen Portale mit ihren zierlichen Einzelformen entschieden
auf die rüstige Steinmetzenschule hin, unter deren Händen sich an der Einhard-
basilika der Umbau der Chorparthie vollzog.

Die Riiine des Palatiums zu Seligenstadt, im Wesentlichen aus der Fassade
eines langgestreckten Keller- und Erdgeschosses bestehend, breitet sich in erhöhter
Lage am Mainufer aus und ist durch ein schmales, abschüssiges Gartenterrain vom
Flussrand getrennt. Die Ruine war lange Zeit Privateigenthum des Besitzers des
angrenzenden Gasthauses zur Mainlust und wurde in den sechziger Jahren Gemeinde-
eigenthum. Ob das Gebäude auf der Stelle eines Römerkastells, einer karolingischen
villa regia und des von Einhard einst bewohnten Domanialhofes steht, wie Einige
annehmen, ist nicht unwahrscheinlich aber unerwiesen. Im Volksmund heisst das
Bauwerk das rothe Schloss, ein Name, welcher von der Farbe des allem Anschein
nach aus den Miltenberger Brüchen gewonnenen bunten Sandsteinmaterials herrührt.
Die quellenmässigen Nachrichten über das Gebäude fiiessen spärlich. Sie beschränken
sich auf die in Urkunden des 15. Jahrhunderts wiederholt vorkommende Benennung
»des kaisers hus« und auf die von den Historiographen Steiner und Dahl aus einem
von ihnen nicht näher bezeichneten Manuscript vom Jahre 1629 entnommenen
Stelle, »wonach das Bauwerk damals Kaiserhaus geheissen und ein noch ganz
stattliches Ansehen, vollständige Keller, Fensterbögen mit Säulen gehabt habe; das
Uebrige sei jedoch zerstört und auf der Ruine seien neue Gebäude errichtet worden«.
Nach Steiner wurden diese Neubauten bei dem grossen Brande und der Plünderung
der Stadt durch die Truppen der verbündeten französisch-weimaranischen Armee
im Jahre 1646 in Asche gelegt. Abgesprengte Werkstücke im Innenbau dürften
von dieser Katastrophe herrühren. In Ermangelung hinreichender schriftlicher Nach-
richten mögen die steinernen Urkunden, d. h. die technischen und stylistischen
Merkmale des Gebäudes reden und seine Gründungszeit mitbestimmen helfen. Und
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