Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 10.1899

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Die Zeitschrift ist verbreitet in allen Kulturstaaten. "WI
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Buchh.-Vertreter: Eduard Schmidt, Leipzig.
Insertions-Bedingungen am Schluss derZeitschr.

X. Jahrg. 1899. -~s Leipzig Darmstadt ^ Wien, s—

Juli-Heft.

A. BEMBE IN MAINZ.

ehr als je wird uns heute zum Bewusst-
sein gebracht, dass zwischen der de-
korativen Kunst des Hauses und der
Mode recht nahe verwandtschaftliche
Beziehungen bestehen. Die fieberhafte
Art, wie aus den neu auftauchenden
Gedanken das Auffallendste, Unwahr-
scheinlichste herausgenommen und
weitergebildet wird: die Hast, mit der
die Konkurrenz auf diesem Wege bis
zum Gewagtesten vordringt, um nur ja ihre Mitbewerber
hinter sich zu lassen: die Erscheinung endlich, dass das
»Gestern« keinen schlimmeren Feind hat, als das »Heute«
— diese und hundert andere Beobachtungen drängen sich
dem Beschauer bei der Kleidermode ebenso auf, wie bei
den neuesten Bestrebungen unserer Innen-Dekoration.

Sehr erfreulich ist diese Verwandtschaft nicht. Es mag
wahr sein, dass neue Ideen im Ansturm sich wirksamer ver-
breiten lassen, als auf dem Weg ruhiger Entwickelung. In
der Mode gilt dies unbedingt; hier ist die Frist, in der sich
Neues zu vollziehen hat, durch die Vorbedingungen der
»Saison« auf Tage und Wochen vorgeschrieben. Auch auf
geistigem Gebiet haben wir es erlebt, dass »Stürmer und
Dränger« einer Zeit ihren Stempel ohne lange Vorbereitung
aufzuprägen vermochten: ein zündender Gedanke, in das
rechte Wort gefasst, geht ja mit der Schnelligkeit des
elektrischen Funkens durch die Köpfe! Ueberall da aber,
wo an dem Gedanken der Ballast technischer Möglichkeiten

und Unmöglichkeiten hängt, ist die hastige Neuerung, wenn
überhaupt möglich, doch von zweifelhaftem Werthe.

Diese Schwierigkeiten empfindet unsere Dekorations-
Industrie jetzt eben in hohem Maasse. Sie ist darin übeler
dran, als die Kleidermode. Im Atelier der Pariser Modistin
ist der Unterschied nicht gross, ob zum Rock vier oder
acht Meter Stoff verarbeitet werden, ob die Geschicklichkeit
der Putzmacherinnen sich an einem riesigen »Gainsborough«
oder einem zierlichen Toque bethätigt. Wenn aber beispiels-
weise der herrschende Geschmack aus unseren Möbeln plötz-
lich alle Schnitzerei verbannt, so wird eine grosse Klasse des
Kunstgewerbes verdienstlos; wenn der Besteller auf den
glatten Flächen seiner Schränke messingenes Beschläg in
derben, glatten Formen fordert, so muss der Gürtler wohl
oder übel seine Werkstatt auf einen anderen Fuss einrichten
als bisher.

Es ist oft und mit Recht zu Gunsten der modernen
Richtung in unserer Dekorationskunst hervorgehoben worden,
dass sie in eminentem Sinne persönlich ist; dass sie dem
Besteller Gelegenheit gibt, seinen eigensten Geschmack, seine
persönlichen Besonderheiten in der Lebensführung zum Aus-
druck zu bringen. Sicher war diese Möglichkeit früher, als
man sich an historische Stile anlehnte und mit einer gewissen
Willkür für jeden Raum seinen bestimmten »Stil« festgelegt
hatte, in weit minderem Maasse gegeben. Aber wir dürfen
nicht vergessen, dass der moderne Stil diesen Vorzug
mit einem wirthschaftlichen Opfer bezahlt: er ist der Her-
stellung des Mobiliars im Grossbetrieb nicht günstig: die
Vortheile, welche ein auf eine gewisse historische Stilart ein-
geschultes Arbeiterpersonal genoss, und die namentlich in
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