Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

Seite: 195
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Bücherschaü.

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wenige besondere Einzelheiten hervor. Der Vor-
tragende betonte u. a. sehr nachdrücklich den Scha-
den, den das Bild des Domes durch den Bau der
Eisenbahnbrücke und den dadurch bedingten Fort-
fall des Baumschmuckes im Botanischen Garten er-
litten habe. Er bemerkte dann, dass bei genauer
Übersicht der Kosten die oft gehörte Bede, Fürsten
und Völker Deutschlands hätten den Dom erbaut,
ziemlich hinfällig sei. In der überwiegenden Haupt-
sache haben der preußische Staat, die Stadt Köln,
die Erzdiöcese und die Rheinprovinz die Mittel auf-
gebracht. Die zuweilen bedrohlichen Stilkämpfe
bei der Portalfrage und bei der Frage des Dach-
reiters und der Bedachung wurden gestreift. Sehr
warmherzig schilderte der Redner, wie die Kölner
im Jahre 1863, bei Abnahme des Notdaches, fast
mehr im Dom als zu Hause gewesen und sich des
großen Werkes begeistert gefreut hätten. Die Ge-
samtkosten des Dombaues betragen seit 1849 etwas
über neunzehn Millionen Mark, an Material sind
u. a. verwandt 57000 cbm Werkstein.

Dem Vortrage Baurat Heimanns folgte die Be-
sichtigung des Domes und seiner Schätze, bei wel-
cher wieder Hr. Domkapitular Schnütgen in freund-
lichster Weise den Cicerone machte. Besonderes
Interesse wurde von den Kongressmitgliedern den
vielfach im Dome neuerdings ausgeführten Restau-
rationen zugewendet und speziell die beabsichtigte
Wiederherstellung der stark beschädigten Wand-
malereien hinter den Chorstühlen der Diskussion
unterzogen. Es machten sich von verschiedenen
Seiten Bedenken gegen diese gewiss höchst schwie-
rige und unter Umständen gefährliche Restauration
geltend.

Viele Kongressmitglieder folgten hierauf der
liebenswürdigen Einladung mehrerer Besitzer kost-
barer Privatgalerien und Sammlungen (Frhr. A. v.
Oppenheim, Beigeordneter Thewalt, Domkapitular
Schnütgen, Generalagent Messen und Landgerichts-
rat Peltzer) und erfreuten sich in den kunsterfüllten
Räumen der ebenso bereitwilligen wie belehrenden
Führung der genannten Kölner Kunstfreunde.

In der Nachmittagssitzung vom 2. Oktober,
welche unter dem Vorsitze Prof. Dr. v. Lützow's
stattfand, bildete den Hauptgegenstand der Ver-
handlungen die Gründung des kunstwissenschaft-
lichen Instituts in Florenz, worüber Professor Dr.
M. O. Zimmermann (Godesberg) berichtete. Es findet
hiernach das Unternehmen sowohl in Deutschland
und Osterreich als auch in Florenz lebhaftes Inter-
esse. Fürst Leopold von Hohenzollern ist erster

Stifter desselben, der Großherzog von Baden und
Graf Lanckoronski (Wien) haben durch beträchtliche
; Zuwendungen ihre Teilnahme bekundet. Professor
v. Oechelhäuser und Direktor v. Pulszky l) stellen die
Unterstützung der Regierungen von Baden und
Ungarn in sichere Aussicht. — Prof. Schmarsow legt
in eingehender Betrachtung den Wert und die Auf-
gaben des Institutes dar und beantragt im Namen
des Ausschusses eine Erweiterung desselben durch
Cooptation. Die Versammlung stimmt dem An-
trage zu.

Eine längere Debatte rief der Antrag Dr. B.
Haendcke's (Jena) auf Begründung einer wissenschaft-
lichen Bibliographie für die gesamten Fächer der
Kunstgeschichte hervor. Es wurde von verschiede-
nen Seiten auf die tüchtigen, in dieser Hinsicht be-
reits bestehenden Anfänge hingedeutet und schließ-
i lieh dahin resolvirt, dass die Angelegenheit dem
I ständigen Ausschusse der Kongresse zugewiesen
| werde.

Der Tag beschloss mit einem sehr animirten
Konzert im Volksgarten, bei welchem auch die
Damenwelt zahlreich vertreten war.

BÜCHERSCHAU.

Skizzen aus dem Süden von Baron Nathaniel von Roth-
schild. Wien 1894. Fol.

Den Inhalt dieses Buches, welches in technischer und
künstlerischer Beziehung als ein Meisterwerk bezeichnet wer-
den kann, bildet die Darstellung einer zehnwöchentlichen
Reise, welche der Verfasser auf seiner Yacht „Aurora" von
Livorno aus über Corsica, Sardinien zur afrikanischen Küste
mit Abstechern ins Innere, schließlich über Cartagena und
die Balearischen Inseln nach Barcelona im Winter 1893 aus-
geführt hat. Der Verfasser giebt uns diese Reise in einer
nicht gewöhnlichen Form: es ist weder eine pedantische
Reisebeschreibung noch eine elegante Darstellung, wie sie
zum Beispiel auf dem „Sunbeam" niedergeschrieben wurde.
Es ist die liebenswürdige Plauderei eines Weltmannes, der
sich unbefangen zu geben versteht. Mit taktvoller Zurück-
haltung betont der Verfasser selbst, dass das begleitende
Wort nichts weiter als eine Art Führer durch die Reise
bildlicher Darstellungen sein soll, welche er auf seiner Reihe
als Liebhaberphotograph gewonnen bat. Das sieht wohl
der Kundige, dass nicht gerade die Freude am seemännischen
Berufe den Verfasser auf seine „Aurora" geführt hat. Aber
er sieht auch, dass die in kurzer Zeit rasch wechselnden
Eindrücke hier von einer wirklich künstlerisch veranlagten
Natur festgehalten worden sind. Nicht nur im Gebrauch
der Camera ist der Verfasser Künstler, mehr noch durch
seine Fähigkeit, die Stimmung der Landschaft und der
Situation zu erfassen. Es sind nicht zufällige Ausschnitte
aus der Natur, sondern geschlossene Bilder; zu einem anderen
Teile, besonders unter den Vignetten treffen wir auf Augen-

1) In Nr. 12 der Kunstchronik, Sp. 181 sind Name und
Titel dieses Redners ungenau gedruckt. Wir bitten beides
in obiger Form richtig zu stellen.
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