Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Münchener Jahres-Ausstellung im Glaspalast. III.

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bekannte Richmond ist in seiner Aphrodite nicht so
kernig-, wie die neueren Stilisten, aber auch nicht so an-
mutig, wie er selbst früher war. Eigentliche Stilisten
zeigen sich hier, zumal es sich nur um Staffeleibilder
handelt, wenig. Ihr einer Führer, Walter Creme, ist
zwar mit einigen Werken, so der „Brücke des Lebens"
vertreten, von denen wohl nur die .„Frühlingsembleme"
ganz unbekannt sind; drei Frauengestalten, Calla, Iris
und Fingerhutblüten verkörpernd, auf frühlingsgrüner
Aue, in denen sich in entzückender Weise das stilbildende
Element der Engländer auf der Basis von Naturformen
zeigt. Die archaisirende Seite dieser Bestrebungen zeigt
Robert Bums' Eitter Galahad, während bei Cadby's
Aquarell japanische Einflüsse vorherrschen.

Typisch ist es für britische Kunst, ein Stück
Wirklichkeit, auch da, wo es noch so faustfertig vor-
getragen wird, poetisch zu verklären. Eine Dosis Mystik
mischt sich in die einfache Darstellung einer Kartoffel-
ernte oder einer abendlichen Heimkehr; nicht als ob das
beabsichtigt wäre, sondern dieses vertiefte Empfinden
ist wie eine Naturnotwendigkeit, die sich unbewusst in
jedem Pinselstrich ausprägt. So bei dem schönen Bild
von Austen Brown ..Heimkehr von der Heuernte", das
uns wie eine Elegie anmutet, ohne etwa die Bauern ins
Süßliche zu ziehen. Dahin gehört auch Wetherbee's
Hirtenidyll, bei dem man ein Stück aus Ovid zu ver-
nehmen glaubt. So könnte ich noch manche Namen nennen,
wie die schönen Arbeiten Mc. Qregor's, des Tiermalers
Smith, Stahes, Tuke und manche andere. Auch die
Landschafter schließen sich zum größten Teil der eng-
lischen Tradition aufs beste an, wie Murray, Brown,
Downie, Terris etc.

Vom übrigen Ausland sind nur noch einige Ita-
liener, Spanier und Belgier vertreten, Frankreich
stellte sich erst Mitte Juli ein. Die Südländer haben
ein paar kleine Delikatessen — nicht für Maler, son-
dern für Käufer — da; Sachen, die durch ihre Spitz-
pinselei den Eindruck fabelhafter Detailarbeit machen,
im Grunde aber weder das noch überhaupt studirt sind,
sondern nur in handwerklicher Routine entstanden.
Die Hohlheiten, wenn sie auch mit tönenden Namen
unterschrieben sind, könnten dort bleiben, wo sie her-
kommen; dass wir diese Ware vertreiben helfen, bringt
uns in keiner Weise Vorteil. — Außerdem haben die
Italiener noch einige Figurenbilder im größeren Maß-
stab, die höher stehen, wie z. B. Müesi's Waisen. Von
Belgiern ist mir bis jetzt nur Dicrchx Kinderasyl auf-
gefallen, dem man die II. Medaille zuerkannte.

Es bleibt uns nun außer der Plastik nur noch die
Schwarzweiß-Ausstellung übrig, die diesmal wohl die be-
deutendste der ganzen Ausstellung ist, besonders weil sie
durchgehend ausgezeichnete Leistungen aufweist und ganz
wenig Belangloses enthält. Im Mittelpunkte des Ganzen
steht die Kollektivausstellung des Münchener Radirvereins,
der im Glaspalast neutrales Gebiet bedeutet, da hier

Secessionisten und Genossenschaftler gemeinsam aus-
stellen. Man wird sich hier über die Bedeutung klar,
zu der sich die graphische Kunst heute emporgeschwungen
und mehr noch: wie das Hauptstreben der Modernen
darauf gerichtet ist, eine künstlerische Thätigkeit in
allseitigster Form zu zeitigen. Sie soll sich nicht mehr
an ein bevorzugtes Material hängen, nicht das Ölbild
soll mehr das allein seligmachende sein, sondern der
Künstler soll seine Gestaltungskraft beweisen auf allen
Gebieten, die des ästhetischen Ausbaues fähig sind. Wir
wissen von der englischen Bewegung, was es ergeben
kann, wenn es Künstler von Gottes Gnaden nicht für Kaub
halten, sich mit Bucheinbänden und Tapetenmustern,
mit keramischen Entwürfen und Möbeln abzugeben.
Verwandte Bestrebungen können wir hier in unserer
Schwarzweiß-Ausstellung beobachten. Zu den Vielver-
sprechenden auf diesem Gebiet gehört u. a. Fritz Erler,
der hier einen Gestaltenreichtum, eine Phantasie und
ein Stilgefühl bezeugt, die seine diesbezüglichenLeistungen
hoch über seine Ölbilder stellten. Da sind z. B. von ihm
zwei Rahmen mit Bucheinbänden in weißem Pergament,
auf das mit den einfachsten Mitteln, Umrisslinien mit
vereinzelten farbigen Füllungen, ein Reichtum von Ein-
fällen ausgebreitet ist, die ungemein fesseln. Seine
Neigung zu archaisiren macht sich ziemlich bemerkbar,
doch ist stets genug des Eigenen da, dass man es mehr
als eine Liebhaberei auffassen muss, die mit der Zeit
in den Hintergrund treten wird. Eigenartig und über-
sprudelnd von Einfällen sind auch seine keramischen
Entwürfe, in denen er die schlichtesten Motive aus der
Natur, wie etwa eine Motte, die ums Licht fliegt, aufs
Geistreichste zum Ornament zu verwerten weiß.

Zu den bedeutendsten Erscheinungen gehört Otto
Greiner, dem ebenfalls eine goldene Medaille zuerkannt
wurde. Er ist von allen derjenige, der am sichersten
seine Bahn geht, der sich durch das hingehendste Natur-
studium vor der Gefahr zu bewahren weiß, eines Tages
seinen Fonds aufgebraucht zu sehen. Es ist eine seltene
Erscheinung, dass jemand, der über einen so üppigen
Phantasiereichtum verfugt, für alles und jedes so gründ-
liche und ehrliche Studien macht. Er legt sich nie
künstlich mit Hilfe von Vorbildern seinen Stil zurecht,
sondern lässt sich den von selbst entwickeln, befragt
stets nur die Natur. Die Ausstellung vereinigt eine
große Kollektion seiner Arbeiten: ältere und neuere
Radirungen, Diplome, Lithographieen, Studien, unter
denen besonders die Aktzeichnungen eine ganz hervor-
ragende Meisterschaft verraten. Wenn man daneben
die Arbeiten von Julius Diez sieht, so muss man un-
willkürlich denken, dieser möchte sich ein Beispiel an
Greiner nehmen. Man findet nicht häufig einen solchen
Fonds von originellem Gestaltungsreichtum, wie ihn Diez
besitzt; seine Studien aber sind derartig kindlich, dass
man kaum versteht, wie das alles von ein und der-
selben Hand herrührt. Schlägt Diez nicht denselben
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