Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die internationale Kunstausstellung in Berlin. IV.

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autochthone Kunst des Landes redet dazu eine viel zu
eindringliche Sprache, seltsamer Weise aber nicht die,
die in Rubens und van Dyck ihren Höhepunkt erreicht
hatte, sondern die einfältige und schlichte Naturwahr-
heit der Brabanter Schule. Man treibt dabei nicht etwa
ein seelenloses Spiel archaisirender Nachahmung. Fast
überall kommt vielmehr eine tiefe, persönliche Empfin-
dung zum Durchbruch, am stärksten vielleicht auf dem
lieblichen Triptychon von Edmund van Hove, wo der
hl. Lukas die Madonna mit dem Kinde malt und man
durch das Fenster einen Blick auf eine köstlich frische
Frühlingslandschaft genießt. Einer der hervorragendsten
belgischen Maler, Jef Leempoels, sucht sogar die fein
detaillirende Weise der van Eyck, Memling und Q.
Massys auf ganz moderne Gegenstände, auf bildnisartige
Kopfstudien, auf Genrefiguren, auf satirische Zeitbilder
und auf tiefsinnige Allegorieen zu übertragen, von denen
freilich eine unter dem Titel „Le destin et Fhumanitö"
dem Beschauer ein unlösbares Kätsel aufgiebt, womit
der Maler jedenfalls den Zweck starker Sensation er-
reicht hat. Eine andere Gruppe von belgischen Malern
sucht wieder die Traditionen von Wappers, Gallait u. s. w.
fortzuführen. Am erfolgreichsten thun dies Pierre Jean
van der Ouderaa mit einer Scene aus dem Bethlehemi-
tischen Kindermord und einer Rückkehr von der Kreu-
zigung und der Orientmaler Karl Ooms mit einer Mord-
scene aus dem modernen Kairo. Andere Belgier, wie
z. B. der ausgezeichnete Militärmaler Leon Äbry, der
Genre- und Landschaftsmaler Evarisie Carpentier, der
die große goldene Medaille davongetragen hat, und
Gustav Vanaise, dessen nacktes Mädchen an der Quelle
ein Meisterstück in der Zeichnung, der Modellirung und
in dem fein gestimmten Kolorit ist, huldigen einem ge-
sunden Realismus, der weder nach den Alten zurück-
blickt, noch seitwärts nach Frankreich schielt. Nur
unter den Landschaftsmalern machen sich, wie fast in
allen Ländern, grob naturalistische Neigungen am meisten
breit.

Zur Beurteilung der russischen Malerei hat die
Ausstellung zu wenig Material geboten. Immerhin waren
wenigstens zwei der jetzt am meisten gepriesenen Maler
vertreten: llja Repin mit seinem bekannten, sehr thea-
tralisch gehaltenen Bildnis von Liszt, der gerade sein
Requiem ersinnt, und zwei kleineren, erheblich feiner
charakterisirten, und Wladimir Makowshy mit drei
Genrebildern aus dem russischen Volksleben, die zwar
an sich ganz verdienstvoll sind, aber doch keinen Ver-
gleich mit den Meisterwerken unserer Knaus, Vautier,
Defregger, Bokelmann, Bachmann u. s. w. aushalten.
Dass die Polen als Nation selbständig auftraten, sei
nur der Vollständigkeit wegen erwähnt. Im übrigen
weiß man, dass die polnische Malerei in den Farben
aller großen Kunstcentren, zumeist in denen von München,
Paris und Wien schillert. Doch muss anerkannt werden,
dass in den meisten der polnischen Kunstjünger ein sehr

energischer Kunsttrieb steckt, dass ihre Erfindung reich
und originell ist, dass sie sich sogar bis zur Kühnheit
und Verwegenheit versteigt und dass ihre Darstellungs-
mittel meist von großer, schon jüngeren Künstlern ge-
läufiger Virtuosität zeugen. Was den Polen auf dem
Gebiete des politischen Lebens versagt worden ist,
scheinen sie auf dem der Kunst erobern zu wollen. Es
ist ihnen zum Teil schon gelungen und wird ihnen noch
in reicherem Maße gelingen, wenn aus dem polnischen
Volkstum noch mehr solcher Kräfte erwachsen, wie der
geniale Porträtmaler Kasimir Pochwalski, der etwas
von der Ehrfurcht gebietenden Macht eines Velazquez
besitzt, und der Genremaler Jacek Malczewski in Krakau,
der wenigstens als Maler Polen an Russland zu rächen
sucht, wozu er freilich über eine große, fast Grauen
erregende Kraft der Darstellung verfügt.

Wenn die deutsche Malerei durch die Elite-Aus-
stellungen der Fremden vielfach benachteiligt worden
ist, so hat die deutsche Plastik diese Einbuße wieder
eingebracht. Sie ist freilich zur Zeit erheblich besser
gestellt als die Malerei, weil die Aufträge zu Kaiser-
denkmälern und zu Denkmälern für andere mehr oder
weniger berühmte Männer noch reichlich fließen und die
großen Städte auch allmählich zu der Einsicht gekommen
sind, dass es auch ihre Pflicht ist, etwas für die Kunst
zu thun. Man kann nicht sagen, dass die Stadt Berlin
allen übrigen Preußens und der Monarchie mit gutem
Beispiel und offenen Händen vorangeht. Aber auch in
Berlin ist manches anders geworden, und die städtische
Kunstdeputation thut, was die ihr zugewiesenen, oft
noch arg bestrittenen Mittel erlauben. Schon allein
Ilundrieser's prächtige, schnell populär gewordene Ko-
lossalfigur der Berolina auf dem Alexanderplatz macht
viele Unterlassungssünden aus der Vergangenheit gut.
Freilich', einen kolossalen Monumentalbrunnen wie die
Stadt Stettin scheint sich die Reichshauptstadt trotz ihres
enormen Etats noch nicht leisten zu können. Der
Stettiner Brunnen, eine Schöpfung des Berliner Bild-
hauers Ludwig Manxel und ein Werk von genialer,
ganz und gar von der Schablone abweichender Kühnheit
im Aufbau, dann das Originalmodell zu dem Denkmale
Kaiser Friedrich's auf dem Schlachtfelde von Wörth mit
seiner prächtigen, die Verbrüderung von Nord- und Süd-
deutschland darstellenden Sockelgruppe von Max Baum-
bach und ein Kunststück plastischer Gymnastik, eine
Ringergruppe von dem Belgier /. Lambeaux waren die
größten Thaten in der plastischen Abteilung. Dass
daneben auch eine schwächliche Aktfigur, ein nacktes,
noch unentwickeltes Mädchen, das die Nymphe Echo
darstellen soll, von E. Onslow Ford, mit der großen
Medaille ausgezeichnet wurde, ist wohl nur als ein Akt
der Courtoisie gegen England aufzufassen, die bei uns
niemals, auch bei ungünstigen politischen Konstel-
lationen, außer Acht gelassen wird. Viel begründeter
war die gleiche Auszeichnung bei dem spanischen Bild-
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