Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Zur Würdigung von Bötticher's „Tektonik der Hellenen".

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Baustils überhaupt. Indem Streiter das Werk des Tek-
tonikers kritisirt, kommt er zu einer Schritt vor Schritt
sich steigernden Polemik gegen die von Bötticher gelehrte
Theorie, und das Endurteil über das Wirken des Ber-
liner Architekturphilosophen lautet demzufolge, bei aller
hohen Wertschätzung von dessen Verdiensten im einzel-
nen, und trotz aller Anerkennung seiner über die Stand-
punkte der Vorgänger hinaus gemachten Fortschritte, doch
im ganzen und großen sehr ungünstig. Die Untersuchung
zeigt, „wie Bötticher, von irrtümlichen, ästhetischen
Grundgedanken ausgehend, zu ästhetisch befriedigenden
und kunstgeschichtlich unanfechtbaren Deutungen der
Formen griechischer Baukunst nicht gelangte und nicht
gelangen konnte."

Verhängnisvoll war zunächst Bötticher's Überzeugung,
dass die „Analogie von Form und Begriff" das einzige
Kriterion für die Schönheit einer Form bilde; ebenso
wie die Vorstellung, dass die Materie der tektonischen
Gebilde „an sich tot", d. h. ausdruckslos sei, und dass
sie nur durch anderswoher entlehnte, gleichsam ange-
heftete Vergleichsbilder die Fähigkeit gewinne, jene
„Analogie von Form und Begriff" darzustellen. In dieser
ganzen Lehre steckt eine rationalistische Auffassung der
Kunst, gegen die bereits Kant mit überzeugenden Grün-
den aufgetreten war, indem er lehrte, „das Schöne ge-
falle ohne Begriff". — „Wäre" — sagt Kant — „die
gegebene Vorstellung, welche das Geschmacksurteil ver-
anlasst, ein Begriff, welcher Verstand und Einbildungs-
kraft in der Beurteilung des Gegenstandes zu einem
Erkenntnisse des Objekts vereinigte, so wäre das Be-
wusstsein dieses Verhältnisses intellektuell. Aber das
Urteil wäre auch alsdann nicht in Beziehung auf Lust
und Unlust gefället, mithin ..kein Gesehmacksurteil".
Noch prägnanter ist der Unterschied zwischen dem
„intellektuellen" und dem „ästhetischen" Interesse von
der modernen Philosophie, vornehmlich von Lotze und
Fechner, gekennzeichnet worden. Der erstere sagt:
„Keine Form, und je einfacher sie wäre, um so weniger,
ist als besonderes Symbol eines einzigen, durch bestimmte
Begriffe fixirbaren Gedankens schön. Sie ist es nur als
allgemeines Symbol eines eigentümlichen Genusses, den
die Phantasie an unzählige verschiedene Veranlassungen
geknüpft denken, daher durch unzählige Gedanken, an
die alle er mit gleicher Kraft erinnert, umschreiben,
aber durch keinen von ihnen erschöpfen kann." Die
neuere Ästhetik schreibt dem betreffenden Subjekt einen
Hauptanteil an der ästhetischen Wertschätzung zu. Nicht,
wie Bötticher lehrt, durch das Anbilden oder Anhängen
anderswoher entlehnter „Symbole" an die struktiv not-
wendigen Glieder, sondern erst durch das Sichhinein-
fühlen des Beschauers in die Form wird nach der
modernen Ästhetik die „an sich tote Materie" lebendig.
— „Wäre sich Bötticher" — sagt Streiter — „der
hohen Bedeutung des Anthropomorphismüs und der Ideen-
association für die Ästhetik bewusst gewesen, hätte er

klar erkannt, dass unser ästhetisches Interesse größten
teils darin beruht, dass wir die Welt um uns her be-
seelen mit unserer eigenen Seele", — „hätte Bötticher
von dieser reichen und innigen Beziehung zwischen
Objekt und Subjekt ausgehend die tektonischen Formen
zu deuten versucht, so würde er wohl nicht auf die
„gleichsam von außen angelegten Symbole" verfallen
sein, die gewissermaßen als Vermittler, als Dolmetscher
für die „an sich unverständliche" anorganische Materie
von ihm gedacht sind."

Nachdem der Kritiker auf diese Weise die ästhetische
Grundanschauung Bötticher's als „zu eng, zu dürftig"
nachgewiesen hat, ist es ihm nun ein Leichtes, auch
das ganze Lehrgebäude, das in der „Tektonik" darauf
gegründet erscheint, in seinen Details zu erschüttern.
Er stellt in sorgfältiger Darstellung, der wir hier im Ein-
zelnen nicht nachgehen können, dieBemühungen Bötticher's,
in jedem Glied, in jeder Einzelform der griechischen
Bauwerke, Geräte und Gefäße einen bestimmten „Be-
griff" nachzuweisen, dem „analog" Glied und Form
„erbildet" seien, und in jedem Ornament ein von der
organischen Natur oder von menschlichen Erzeugnissen
entlehntes „Vergleichsbild" für „struktive Begriffe" zu
sehen, als misslungen dar. Die hauptsächlichsten Kunst-
formen des griechischen Tempelbaues, die von Bötticher
mit Recht als hochbedeutsam bezeichneten „Junkturen",
die Kymatien, die Kannelirung, die Triglyphen, die Heft-
bänder, das ionische Kapital, die mehrteiligen Architrave,
endlich der Zahnschnitt werden zu diesem Zweck an der
Hand von Bötticher's Auffassung einer sorgfältigen
Analyse unterzogen.

Diese Prozedur führt unsern Autor natürlich viel-
fach auf das von Bötticher verarbeitete kunstgeschicht-
liche und archäologische Material, und er sieht sich
schließlich veranlasst, auch zu den historischen Grund-
anschauungen des Verfassers der „Tektonik" Stellung zu
nehmen. Es sind dies namentlich folgende: 1. Die
Hypothese, dass der griechische Tempelbau ohne jede
Beeinflussung durch die Kunst anderer Völker sich ent-
wickelt habe; 2. die entschiedene Negation der Herleitung
des griechischen Steinbaues oder einzelner Formen des-
selben aus einem früheren Holzbau oder Mischstil;
3' die Annahme, dass bei allen Formen, denen das von
Bötticher statuirte Ornamentschema fehlt, dasselbe als
ursprünglich aufgemalt oder als unfertig zu denken sei.
Alle drei Voraussetzungen, sagt Streiter mit Eecht, haben
sich als unrichtig oder doch als unbeweisbar heraus-
gestellt. Asiatische und ägyptische Einflüsse auf die
althellenische Kunst überhaupt sind nicht mehr abzu-
weisen. Unzweifelhaft musste der hochentwickelte Stein-
bau Ägyptens auf die empfängliche Phantasie der
Hellenen einen gewaltigen Eindruck machen. Dasselbe
gilt von der Ornamentik, von dem ganzen Kunstgewerbe
der Vorderasiaten. „Die Funde Schliemann's, die neueren
Ausgrabungen in Olympia und anderwärts eröffneten weite
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